Zukunft mit Estragon-Senf

Das Leben, glauben sie, kann man wieder erblühen lassen in so einem Ort. Pierreclos, eine Gemeinde ein Stück nördlich von Lyon, verbirgt sich hinter Weinbergen voller grüner Trauben, hinter einer Aneinanderreihung von sanften Hügeln, auf die immer noch ein Dorf und noch ein Hügel und noch ein Weinberg folgt. Aus dem nahe gelegenen Ort Berzé-la-Ville sind wir hergewandert, einer dieser vielen winzigen Bindestrich-Orte in Frankreich, es ist sengend heiß und trocken. Dann stehen wir in diesem Laden in Pierreclos.

Ein neuer Treffpunkt mit Estragon-Senf

Er könnte ein Berliner Biosupermarkt sein, viel Raum, hochpreisige Ware und so Dinge wie Estragon-Senf, Jutebeutel-Fraktions-Kram. Die Ladenkette „Comptoir de Campagne“ aber ist mehr, sie soll helfen, einen Ort am Leben zu halten. „Wir sind sehr bekannt mittlerweile“, erzählt die Verkäuferin, „es kommen richtig viele Leute.“ Sie verkauft vor allem Produkte aus der Region, und sie dient den Menschen mit dem, was es in der Gemeinde nicht oder kaum mehr gibt: der Comptoir ist gleichzeitig Supermarkt, Poststation und kleines Restaurant, in anderen Dörfern ist er auch Kiosk, Buchladen oder Blumenladen.

WegPierreclos

Es scheint ein kluger Gedanke. Jedes zweite Dorf in Frankreich habe keine Einkaufsmöglichkeit mehr, heißt es auf der Website des Projekts. Elf Läden mit 1500 lokalen Produkten sollen das ändern, Arbeitsplätze und Netzwerke auf dem Land schaffen, wo auch Treffpunkte wie Spielplätze (siehe oben an der kleinen Schule) rar sind. Fragt man die Verkäuferin, kann sie zu jedem Käse aufzählen, von welchem Bauern und welchem Hof er kommt, und tut das auch. Und natürlich nehmen wir ihn mit, diesen Käse, unschlüssig, ob wir jetzt ein gut vermarktetes Hipster-Projekt unterstützen oder eine Kooperative, die die Zukunft der örtlichen Bevölkerung sichert.

Ein Ort und seine Region erblühen zu einem rätselhaften Panorama, wenn man länger dort bleibt. Eine Mischung von Unverständlichem, angefangenen Geschichten und kleinen Vignetten, die sich mit Farben füllen. Wir stehen mit dem Steyr in Berzé-la-Ville auf einem Hochplateau neben dem Dorffriedhof, den nie, wirklich nie jemand besucht. Umgeben von Blumen, mit kilometerweitem Blick auf das Tal, auf die bewaldeten Hänge, Weinstöcke und alten Burgen. Die Wiesen sind voller Schmetterlinge, und wenn man durchs trockene Gras läuft, stieben bei jedem Schritt hunderte Heuschrecken hoch, springen an Beine und Schultern.

Recht wohlhabend wirkt es und die Bevölkerung überwiegend weiß. Teils schicke Häuser und großzügige Pools, Plantagen voller Obstbäume und gepflegte Gärten mit extravaganten Blumen, viele Familien mit Kindern. Offenbar ist Land hier hip, wie der Supermarkt.

UmgebungBlV

Es ist in diesem Ort, als sähe man den Jahreszeiten beim Wandel zu. Manche Rätsel lösen sich von selbst. An einem Tag wird unser Parkplatz auf dem Plateau voll, Auto reiht sich an Auto. Ein alter Mann klärt auf: „Wir hatten gerade Bürgermeisterwahl.“ Er spricht hervorragendes Deutsch, empfiehlt eine Besichtigung der alten Kalköfen und erklärt auf Rückfrage zur Wahl gut gelaunt, er sei zufrieden mit dem Ausgang. Am Gemeindesaal ist jetzt angeschlagen, wann die einzelnen politischen Kommissionen besetzt werden. Der Sportplatz am Berg bleibt unbenutzt. Und im kleinen Restaurant treffen sich die Menschen, bis es für ein paar Tage schließt. Auch das klärt sich: Ein neuer Besitzer hat übernommen,  und der Laden heißt jetzt neuerdings Héritage, Erbe. Nein, es irrt, wer das Dorf für statisch hält.

Synagoge?

Und es bleibt Unerzähltes, Unerklärtes. Ein Dach eines Hauses etwas weiter oben im Dorf ziert der Davidstern. Jüdische BewohnerInnen vielleicht, oder sogar eine Synagoge? Wir erfahren es nie. Und auch nicht die Geschichte vom Gott in der Garage. In Pierreclos, nach dem Einkauf im Comptoir, kommen wir an einer offenen Garage vorbei, die über und über mit Bildern und Fahnen mit Konterfei des ehemaligen Formel-1-Fahrers Alain Prost gepflastert ist. Prost stammt aus der Region. Ein hingebungsvoller Fan, ein Sportwagen-Fanatiker oder eine persönliche Verbindung sogar? Als wir umdrehen, um danach zu fragen, ist das Garagentor wieder zu und der Besitzer fort. Uns bleibt nur Phantasie.

Name: Berzé-la-Ville

Maerchenwald

Was der Lonely Planet nicht kennt: Den Weg nach oben aus Berzé-la-Ville zum Roche Coche, einem Berg, der die Region überblickt, voller hoher Gräser und Schmetterlinge. Die Aussicht auf die Dörfer und Weinberge ist spektakulär. Wer weiter läuft, kommt ins Dorf Le Perret. Der Waldweg ist voll von knorrigen, mit Moosen überwachsenen Bäumen, ein bisschen Märchenwald.

Wo einkaufen: Der Comptoir de Campagne ist von Berzé-la-Ville einen etwa fünf Kilometer langen, hübschen Fußweg durch die Weinberge entfernt. Es gibt vor allem Käse, viel ungewöhnlichen Honig und Senf, Wein, aber auch frisches Obst, Fleisch und Gemüse und alltägliche Pasta- und Dosenversorgung. Eher für Kleinigkeiten, ein Großeinkauf ist teuer.

Der schönste Umweg zum Dorf:
Von Nordwesten kommend über Orte wie Le Creusot, Blanzy, La Guiche und Saint-Martin-de-Salencey. Sehr schmale Straßen, bisschen anstrengend zu fahren, aber der Blick ist gut.

Veröffentlicht von

Alina Schwermer

Freie Journalistin, schreibt viel für die taz, für die Deutsche Welle, aber auch für die Jungle World und wer sie sonst so fragt. Am liebsten über Sport und Reisen. Wollte nie einen Reiseblog machen und hat nicht lange durchgehalten.

Ein Gedanke zu „Zukunft mit Estragon-Senf“

  1. Gut …ist es…der Glaube an ein Konzept, eine Region in Ihrer Vielfältigkeit zu bewahren. Soziale Anker zu schaffen, Begegnungsorte: einen Grund der Liebe zur Region Wachstum zu gewähren auch der nächsten Generation, auch wenn dazu ein Pool nötig ist. Unbegrenzten Möglichkeiten in Städten und Monokulturen einen Entwurf entgegen zu setzen.. und manchmal ist es Estragon- Senf 😉
    Gut ist es der Liebe ein Fundament zu geben…
    Sylvi

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