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Der Gastgeber und das Paradies

Es gibt Leute, die sind talentierte Gäste. Sie haben große Geschichten aus dem Leben zu erzählen, oder vermögen es eben, belanglose Geschichten groß zu machen. Und es gibt Leute, die hören ihren Geschichten zu. Der junge Mann in Metz ist vielleicht so jemand. Er lebt in einer Wohnung, wie sie in gewissen spieß- und gutbürgerlichen Kreisen zum guten Ton gehört, mit Rubbel-Weltkarte an der Wand für bereiste Länder, mit stilisiertem Eiffelturm-Poster und Wein-Sammlung in der Küche. Er war mal ein Jahr unterwegs, Thailand, Neuseeland, Peru, was man halt so macht, ist eher ein ruhiger Zeitgenosse und sicher nicht der erste Klassenkamerad, an den man sich im Nachhinein erinnert. Wer schnell über Menschen urteilt, könnte sagen: er freut sich an dem Glanz, den andere aus aller Welt hier vorbei bringen.

Reisen durch Zuhören

Denn er hört zu. Fast naiv beeindruckt von jeder Geschichte, empathisch, zuvorkommend und besorgt ums Wohlergehen, und wenn er selbst erzählen soll, erzählt er wenig von sich, sondern von seinen Gästen. Von dem, der 33 Länder in 33 Wochen besuchte und da 33 verschiedene Jobs machte, eine Story wie aus einem dieser Schaut-mich-an-ich-bin-Weltbürger-Inspirations-Filme; der arbeitete dann als Fischer auf Malta und als Immobilienmakler in Luxemburg. Von dem Gast aus der Ukraine, der kein Geld hatte, aber den Traum, einmal den Atlantik zu sehen, mit Couchsurfing und Anhalter. Er schaffte es. Manche Leute, lernen wir, sind Gastgeber im wahren Beruf. Die Weltreise, von der er träumt, ist folglich eine des Wiedersehens: zu allen Gästen von einst.

Metz Innenstadt

Wir könnten diese Unterhaltung überall führen, aber wir führen sie in Metz. Metz, historischer Zankapfel zwischen deutschsprachigen und französischen Herrschern und folglich eine Stadt mit beiderlei Architektur, wirkt in seiner Vielfalt wie aus einem Guss. Wir sind durch Vororte mit Autowerkstätten und Supermärkten hingefahren und waren überrascht vom Zentrum. Eine Altstadt mit warmen Farben, großen Parks mit Palmen und Brunnen, mit der Kultur vieler und abends gut besetzter Restaurants und Bars im Stadtkern. Manchmal geradeheraus idyllisch. Träge fließt die Mosel durch Kanäle und unter Brücken, an unserem Stellplatz weiter außerhalb tummeln sich Reiher und riesige Fische im Fluss, Kinder baden.

Metz Reiher

Das ist nicht das ganze Bild: auf dem Parkplatz, den wir zuerst anfahren, sind so eindrucksvoll viele Autos aufgebrochen, dass wir uns entscheiden, doch lieber woanders zu stehen. Wenn wir etwas außerhalb spazieren, grüßen die Leute. „Hier ist es ein bisschen wie auf dem Dorf“, sagt unser Gastgeber über die 120.000-Einwohner-Stadt. Er serviert Tiefkühlpizza und selbst gebrannten Mirabellenschnaps, und wir erfahren, dass die Mirabelle offenbar ein großes Ding hier ist. Und weil eine globalisierte Welt eine Unterhaltung überall hin tragen kann, lernen wir in Metz am meisten über seine Sicht auf Französisch-Polynesien.

MetzBeitrag

Der beste Freund unseres Gastgebers ist in das französische Überseegebiet ausgewandert, offenbar nicht als Einziger. „Viele Franzosen kommen für ein oder zwei Jahre dahin und gehen dann wieder“, berichtet er. Der Freund nutzt das und arbeitet als Französisch-Nachhilfelehrer und Gitarrenlehrer für deren Kinder, eine offenbar koloniale Blase der Kurzzeit-Migranten. Unser Gastgeber hat ihn einmal dort besucht. Jeder im Überseegebiet spreche mittlerweile Französisch, was sehr praktisch sei, und es erhalte viel Geld aus Frankreich, anders könne es sich nicht finanzieren. So sagt er das.

Leben im Paradies

Wir reden über Kolonialismus, ohne das Wort zu erwähnen. Es ist ein Gespräch über ein Urlaubsland. Unser Gastgeber fand es toll da für einen Monat. Aber dort leben, nein, da sei nichts los. „Die Leute da unten verbringen den halben Tag damit, vor der Hütte zu sitzen und zu sagen: Mal schauen, ob ich heute drei Mango verkaufe.“ Er war, sagt er, „erleichtert, als ich danach in Los Angeles war“. Er sagt das nicht herablassend, eher nüchtern. Aber die Freunde, die fänden es genial da. „Für sie ist es ein Leben im Paradies.“ Was sie den ganzen Tag dort machen, im Paradies? Er zuckt die Achseln: „Jetski fahren und so.“

Name: Metz

EmpfehlungMetz Wohin der Gastgeber am liebsten geht: Zum Plan d’Eau, übersetzt schlicht Wasserfläche, einem Moselbecken etwas außerhalb der Innenstadt. Mit japanisch inspiriertem Tor, Blick auf die Kathedrale und Wassersport. Netter Ort mit viel lokalem Leben, von Yoga-Gruppen über abhängende Teenies bis hin zu Kanuten, Kindergeburtstagen und Eiswagen.

Wo du essen und trinken kannst:
Er empfiehlt das Restaurant Le Bistronome direkt an der Mosel, gute Küche und guter Blick. Und Vivian’s Pub in der Altstadt mit irischem Theme; neben Kaltgetränken gibt es laut Website Pizzen, Sandwiches und einmal monatlich Live-Musik.

Wann alle anderen hinfahren: Wie schon erwähnt, die Mirabelle ist ein großes Ding. Im August gibt es ein zweiwöchiges Mirabellenfest mit Kulinarik, Märkten, Kirmes, Show, Bällen und der unvermeidlichen Mirabellenkönigin. Wer Folklore mag, ist hier wahrscheinlich richtig.

Veröffentlicht von

Alina Schwermer

Freie Journalistin, schreibt viel für die taz, für die Deutsche Welle, aber auch für die Jungle World und wer sie sonst so fragt. Am liebsten über Sport und Reisen. Wollte nie einen Reiseblog machen und hat nicht lange durchgehalten.

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