Der Karpfen und die Freiheit

Der Karpfen hat sein Leben beendet. Er wartet weichgekocht im Eintopf, in einem riesigen, gusseisernen Kessel. In einer zweiten Schüssel stehen Nudeln bereit, die Männer drängen sich mit ihren Tellern her. Béla bugsiert uns nach vorn. „Die Gäste nehmen zuerst“, verkündet er mit derselben bestimmten Herzlichkeit, mit der er uns großzügig mit Raki versorgt, und die keinen Widerspruch duldet. Fischpaprikás heißt der Eintopf, der hier, im äußersten Osten Slawoniens, nahe der kroatischen Grenze zu Serbien und kulturell vor allem nahe zu Ungarn, überall zubereitet wird.

Die Runde, die sich an diesem Ersten Mai im Dorf Kopačevo zum Karpfen zusammenfindet, ist multikulturell und vom Zufall zusammengewürfelt. Um uns herum sitzt ein volltrunkener kroatischer Tontaubenschützenverein, sämtlich männlich, obwohl Frauen, wie man uns versichert, mitmachen dürfen, der morgen ein Turnier im benachbarten Osijek hat; der dickliche Typ schräg gegenüber entpuppt sich als Mitglied des Olympiakaders.

Dreimal muss der Karpfen baden

Dann ist da ein Ungar, Gruppenvollster, den sie irgendwo aufgegabelt haben. Bélas Frau, die ungarischstämmigen Slowakin Alexandra, die uns eingeladen hat, und ihre ganze Familie samt Großeltern und Enkel, ziehen sich bald auf den Spielplatz zurück. Béla, klein, kompakt, fröhlich, schwitzend, verkündet: „Dreimal muss der Karpfen beim Fischpaprikás baden. Einmal vorab. Einmal im Kochwasser. Und das dritte Mal in Weißwein.“ Der Weißwein ist Programm.

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Von großzügiger Lebendigkeit ist diese Provinz ganz im Osten Kroatiens, die historische Region Baranja, deren Wurzeln im heutigen Kroatien und Ungarn liegen. Der benachbarte Naturpark Kopački Rit besteht aus urtümlicher Marschlandschaft, voll von ständigem Zirpen, Quaken, Zwitschern. In den sumpfigen Gewässern sehen wir Schlangen und Frösche, Reiher und Kormorane, Schildkröten, es erheben sich Störche und Adler, es wimmelt von Leben. Und ähnliche Lebendigkeit scheint den Menschen eigen.

Wir hatten es als Klischee abgetan, als man uns ankündigte, in Baranja würden wir von Fremden zum Essen eingeladen. Aber so ist es. An diesem Tag gleich zweimal: zum Fischpaprikás auf dem Campingplatz, wo Alexandra arbeitet und wir Wäsche wuschen. Und in einem – wie sich herausstellt, geschlossenen – Restaurant, in dem eine Familienrunde sitzt, und die alte Frau uns zum Schnaps dazu lädt. Wir schlagen weise mit Verweis auf die zweite alkoholische Einladung aus.

Auf den Dörfern winken die Kinder, die Leute von der Müllabfuhr, die Alten im Garten. Gespräche werden schnell sehr persönlich. Und wie so oft fällt uns auf, dass die deutsche Steifheit sich schwertut mit so viel Emotion.

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Die Vielfalt in Baranja ist aber auch geprägt von Migration. Als eine der ärmeren Provinzen Kroatiens hat sie viel Aderlass, nach Deutschland, Österreich, Irland. Die Männer, so wird uns erzählt, arbeiten dort als Handwerker, Klempner, Busfahrer, Automechaniker. Dafür kommen andere, zum Beispiel Béla und Alexandra. Mit Alexandra, warm, extrovertiert, spricht man mühelos, trotz ihres holprigen Englisch. Sie passt regelmäßig für eine Freundin auf das Camp auf.

Wie bei vielen Leuten in der Grenzregion ist ihre Geschichte multikulturell. Sie stammt aus einer ungarischen Familie, ist aufgewachsen in der Slowakei und fühlt sich dort verwurzelt – „I’m a Slovakian girl“ -, ist verheiratet mit einem Ungarn und arbeitet in Kroatien. Die Zahl der Sprachen, die sie spricht – Ungarisch, Slowakisch, Kroatisch, Tschechisch, Polnisch, Englisch – ist schwindelerregend. „Sprachen sind wunderschön“, schwärmt Alexandra. Sie kann sie gebrauchen: an der kroatischen Adria hat sie noch ein Business, wo sie Hochzeiten organisiert, vor allem für osteuropäische Paare.

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Schon als kleines Kind half sie ihrer Mutter beim Hochzeitsbusiness in der Slowakei. „Ich mag kleine Hochzeiten, zehn bis fünfzehn Gäste, aber dafür professionell.“ Sie lebt spürbar ihren Job, aber nicht für ihren Job. Dieses Jahr sowieso nicht – wegen Corona habe es keine einzige Buchung gegeben. Und wenn sie nicht an der Adria ist, ist sie hier in Baranja, Slawonien. „Alle hier sind so nett. Slawonien ist tief in meinem Herzen.“ Sie sagt es so, dass man es mit ins Herz schließt.

Auch in Deutschland kehrt sie ein und aus, viele ihrer Verwandten lebten dort. Sie liebe die Schönheit und Sauberkeit deutscher Städte. Sie trinkt Paulaner, von einer Freundin zugeschickt. Und in Erinnerung ans Oktoberfest stimmen sie und die Mutter ein textsicheres „Ein Prosit, ein Prosit“ an. Mir kommt der Gedanke, dass diese Menschen, die man osteuropäisch nennen würde, viel europäischer leben als wir. Vielsprachig, von vielen Kulturen geprägt.

Die Familie ist verstreut

Am nächsten Tag, im Gespräch mit Béla, treten aber auch die dunkleren Seiten dessen deutlicher zu Tage. Béla, der aus dem ungarischen Pécs stammt, berichtet, die meisten seiner Verwandten seien irgendwo hin ausgewandert. „Meine ganze Familie ist verstreut.“ Er erzählt, wie die Eltern trauerten, wenn er geht, wie er einen Sohn in Kanada kaum sieht. Er hat vieles im Leben gemacht, er schildert irgendeine komplizierte GmbH, und jetzt gibt er Bootsfahrkurse an der kroatischen Küste. Von irgendwas lebt man eben. Die Migration bedeutet auch persönliche Konsequenzen in der Familie: „Meine Frau und meinen Sohn sehe ich kaum.“ Sie arbeitet woanders.

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Immer wieder fällt mir eine übergeordnete Erzählung auf, mit der Menschen sich in ganz Kroatien, vor allem aber in Slawonien, die eigene Geschichte erzählen. Sie lautet, ans Ausland und besonders an Deutschland gerichtet: „Ihr mögt das Geld haben, aber wir haben die Herzlichkeit und die Freiheit.“ Und sie trägt einen wahren Kern. Während interethnische kroatische Konflikte in den Gesprächen nie eigeninitiativ erwähnt werden, wird Migration ständig angebracht. Ein stiller Jäger im nicht weit entfernten Dorf Koška erzählt von einer Freundin, die in Deutschland aufwuchs, kroatischstämmig, und hierher aufs Dorf zurückkehrte: „Hier ist es schöner, weniger Arbeit.“

„Sie glauben, sie bräuchten zehn Zimmer“

Oft hören wir, mit subtilem Stolz vorgetragen, die Geschichten über die, die sich vom deutschen Geld abwandten, hin zur kroatischen Lebenslust. Und ein wenig abfällig erwähnt der Jäger die, die in Deutschland bleiben, nur in den Sommerferien herkommen, „aber glauben, sie bräuchten hier auf dem Dorf eine Villa mit zehn Zimmern.“ Eine subtile Rivalität, verletzter Stolz vielleicht auch. Die hätten drüben ein schlechtes Leben, „arbeiten zwölf Stunden, leben in einer Kaschemme“.

Alexandra erwähnt mit nur einem Hauch von Bedauern in der Stimme, der Sohn ihrer Verwandten in München spreche kein Slowakisch mehr. „Nur Deutsch.“ Und ich bin irritiert davon, dass dieses Thema auch in mir patriotische Emotionen auslöst: ich freue mich über die Geschichten derer, die in Deutschland noch etwas anderes als das Geld mochten.

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Freiheit, Herzlichkeit. Der Fischpaprikás-Abend, wie so viele andere, wären in Deutschland bei einer Covid-Inzidenz über 300 unvorstellbar. Fragen zum Stand der Pandemie in Kroatien werden meist mit etwas spöttischem Lächeln bedacht, ebenso die deutschen Lockdowns. Einer der Tontaubenschützen verkündet uns: „Deutschland hat zu viel Angst. Willkommen in der Freiheit!“ Ihr habt das Geld, wir die Freiheit. Ein Narrativ, das auch schnell ins Rechtslastige kippt. Im Laufe des Abends wird er noch „Deutschland, Deutschland über alles“ anstimmen und auf Viktor Orbán prosten.

Im Gegensatz zu den über Verschwörung phantasierenden Deutschen haben auffällig viele, denen wir begegnen, Covid gehabt. Alexandra, die den entspannten Corona-Umgang in Kroatien ebenfalls liebt, erzählt, ihr Mann habe zehn Tage im Krankenhaus gelegen. Sie selbst fühle sich seit der Erkrankung immer noch erschöpft, vergesse ständig Dinge. „Der Arzt sagt, das kann noch Jahre andauern.“ Und trotzdem, die sozialen Kontakte, der ökonomische Druck, auch die mit gewissem Stolz vorgetragene Lässigkeit wiegen mehr. „In Kroatien haben sie keine Angst, sie lächeln.“

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So rauschhaft, wie der Fischpaprikás-Abend begann, so schnell ist er plötzlich vorbei. Die Tontaubenschützen sind wie vom Erdboden verschluckt, es wird abgeräumt. Am nächsten Tag beim Gespräch schenkt uns Béla noch eine Flasche ungarischen Wein, für den er schwärmt. Und wir stehen halb beschämt da. Die emotionale Gastfreundschaft, denken wir, werden wir nie lernen. Oder immer einen steifen deutschen Akzent dabei behalten.

Dann wünscht er uns gute Reise, wir ihm dasselbe, und natürlich tauschen wir keinen Kontakt aus. Es ist Herzlichkeit, die nicht ausgelegt ist auf mehr als einen Abend. Sondern mit der warmen, innerlich distanzierten Selbstverständlichkeit, mit der man anderswo einander die Tür aufhält.

Der Ort: Das Dorf Kopačevo am Naturpark Kopački Rit, ganz im Osten Kroatiens

Was man da machen kann:
Wandern, Radfahren, Boot fahren in wunderschöner Marschlandschaft voller Reptilien, Amphibien und Vögel. Es lohnt auch ein Ausflug ins nur zehn Minuten entfernte Osijek. Eine coole Studentenstadt mit schöner Architektur und dem Charme eines lässigeren, etwas verlotterten Bonn. Viele Begegnungen ergeben sich auf den Dörfern der Gegend.

Essen in Baranja: Hoch im Kurs ist Fischpaprikás, ein Karpfen-Eintopf mit Nudeln. Und generell Fleisch. Sehr lecker ist Perkelt, ein ungarisch inspirierter Gulasch mit Nudeln. Und Kulen, slawonische würzige Rohwurst. Wer vegetarisch isst, hat es schwer, aber eine überraschend gute Alternative auch auf vielen Dörfern ist: Pizza. In Kroatien im mediterranen Stil gemacht.

Trinken in Baranja: Neben dem Schnaps aufs Haus, den es überall gibt, ist Weißwein sehr angesagt. Super gut und günstig, es gibt viele Weinreben. Einige Familien verkaufen direkt ab Haustür. Sowieso kann man vieles privat kaufen, zum Beispiel Eier, Honig, Käse, Wein.

Veröffentlicht von

Alina Schwermer

Freie Journalistin, schreibt viel für die taz, für die Deutsche Welle, aber auch für die Jungle World und wer sie sonst so fragt. Am liebsten über Sport und Reisen. Wollte nie einen Reiseblog machen und hat nicht lange durchgehalten.

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