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Bedrohte Paradiese

Pasterze-Gletscher: Der Wandel im Vorher-Nachher-Vergleich

Die Pasterze hat seit ihrem historischen Höchststand von 1856 fast die Hälfte ihrer Fläche verloren. Über dreißig Quadratkilometer maß das Eis am Fuß des Großglockners damals.

Pasterze-Gletscher: Der Wandel im Vorher-Nachher-Vergleich

Die systematische Dokumentation durch den Österreichischen Alpenverein begann allerdings erst 1891. Im Gletscherinventar von 2023 sind noch 16,7 Quadratkilometer verzeichnet. Der Pasterze-Gletscher im Vergleich von damals und heute zeigt deshalb nicht nur ein kleineres Eisfeld, sondern den Übergang von einem aktiven Gletscher zu einem zerfallenden Restkörper.

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Und im Sommer 2026 wird ein Kapitel enden, das die österreichische Alpengeschichte geprägt hat: Dann soll die letzte Eisverbindung am sogenannten Hufeisenbruch reißen und die 3,9 Kilometer lange Gletscherzunge vom Nährgebiet trennen. Die Pasterze verliert damit ihren Status als größter Gletscher des Landes.

Das ist keine Naturromantik. Es ist ein Lehrstück über Tragfähigkeit, über die Grenzen dessen, was ein Ökosystem aushält – und über unsere Rolle darin.

Vom Giganten zum Fragment: Die historische Dimension des Rückgangs

Wer die Pasterze heute von der Bergstation der Gletscherbahn am Großglockner aus betrachtet, sieht eine graue, zerfurchte Eisfläche, die in ein trübes Schmelzwasserbecken mündet. Es ist schwer vorstellbar, dass dieses Fragment einmal das größte zusammenhängende Eisfeld der Ostalpen war. Die historischen Aufnahmen und Aufzeichnungen des Österreichischen Alpenvereins erzählen davon, wie weit sich das Eis einst ausdehnte. Der Alpenverein dokumentiert die Gletscherentwicklung systematisch seit 1891 – nicht seit dem historischen Höchststand von 1856, der als Referenz für die maximale Ausdehnung gilt.

Die Pasterze reichte damals vom Johannisberg bis tief ins Mölltal, bedeckte den Talboden und formte eine Landschaft, die mit den heutigen Verhältnissen kaum noch zu vergleichen ist. Die Fläche von über dreißig Quadratkilometern aus dem Jahr 1856 markiert den historischen Höchststand. Sie ist kein beliebiger Startpunkt einer Messreihe, sondern eine wichtige Vergleichsmarke: So groß war der Gletscher, bevor sein langfristiger Rückzug in den historischen Quellen und später in den systematischen Messungen des Alpenvereins nachvollziehbar wurde.

Der Unterschied ist entscheidend. Wer schreibt, die Alpenvereinsmessungen hätten bereits 1856 begonnen, vermischt zwei verschiedene Dinge: den historischen Höchststand und den Beginn der regelmäßigen, systematischen Gletscherdokumentation. Für den Vorher-Nachher-Vergleich braucht es beides – die Ausgangsgröße von 1856 und die lange Messreihe seit 1891.

Der Rückgang verlief nicht in jedem einzelnen Jahr gleich. Es gab kühlere und niederschlagsreichere Phasen, in denen sich der Verlust verlangsamte oder kurzfristig weniger deutlich ausfiel. Eine Rückkehr zum Niveau von 1856 gab es jedoch nicht. Die Gletscherzunge zog sich über Jahrzehnte zurück, hinterließ Moränenwälle, Seen und eine Landschaft im permanenten Umbau. Das Eis verschwand nicht auf einmal. Es verlor zuerst an Länge, dann an Höhe und schließlich an innerem Zusammenhang.

Was Besucher heute sehen, ist deshalb nicht bloß ein kleiner gewordener Gletscher. Die Pasterze hat ihre innere Dynamik weitgehend eingebüßt. Ein aktiver Gletscher entsteht dort, wo sich im Nährgebiet genügend Schnee ansammelt, zu Firn und schließlich zu Eis verdichtet und durch sein eigenes Gewicht talwärts fließt. Am unteren Ende schmilzt dieses Eis wieder ab. Dieser Kreislauf ist langsam, aber er hält den Körper zusammen.

Bei der heutigen Pasterze gerät dieser Kreislauf aus dem Gleichgewicht. Im oberen Bereich kommt nicht mehr genug Material nach, um den Verlust in der Zunge auszugleichen. Das Eis fließt langsamer, wird dünner und verliert seine Verbindung zu den Bereichen, die es einst gespeist haben.

Die Pasterze ist nicht einfach nur kleiner geworden. Sie hat ihre innere Dynamik verloren – und damit das, was einen Gletscher lebendig macht.

Rekordwerte und Dickenverlust: Die nackten Zahlen der Klimafolgen

Der Gletschermessdienst des Österreichischen Alpenvereins liefert seit mehr als hundertdreißig Jahren Daten, die eine eindeutige Richtung zeigen. Die Zahlen des Rückgangs lesen sich wie ein Protokoll fortschreitender Erosion:

  • 203,5 Meter betrug der Längenverlust im Messjahr 2022/2023 – der höchste jemals an der Pasterze gemessene Rückzugswert.
  • Bis zu zehn Meter verliert die Gletscherzunge jährlich an Dicke. Das Eis wird also nicht nur kürzer, sondern auch dünner, brüchiger und instabiler.
  • Bis zu zwanzig Zentimeter kann die Oberfläche an extrem heißen Sommertagen verlieren. Der Schwund ist dann nicht nur in Messreihen sichtbar, sondern mit bloßem Auge an Schmelzrinnen und neu freiliegenden Flächen erkennbar.

Solche Werte lassen sich nicht sinnvoll als isolierte Rekorde betrachten. Ein besonders starkes Rückzugsjahr sagt allein noch nicht alles über den langfristigen Zustand aus. Aussagekräftig wird es zusammen mit der Entwicklung über Jahrzehnte: Die Zunge verliert wiederholt an Länge, der Eiskörper an Dicke, und die Verbindung zwischen den einzelnen Bereichen wird schwächer.

Auch die Fläche erzählt diese Geschichte. Der Pasterze-Gletscher im Vergleich zwischen 1856 und 2023 ergibt ein Bild, das sich nicht durch eine einzelne warme Saison erklären lässt:

ParameterHistorischer BezugStand 2023 beziehungsweise AusblickVeränderung
Gesamtflächeüber 30 km² im historischen Höchststand von 185616,7 km²rund 45 Prozent weniger
Systematische DokumentationBeginn der Alpenvereinsmessungen 1891mehr als 130 Jahre Messgeschichtelangfristige Entwicklung nachvollziehbar
GletscherzungeTeil des zusammenhängenden Gletscherkörpers3,9 km lange Zunge; Abtrennung ab 2026 erwartetVerbindung zum Nährgebiet bricht voraussichtlich ab
Dickenverlustim historischen Vergleich nicht als heutiger Jahreswert erfasstbis zu 10 m pro Jahrdeutliche Ausdünnung des Eises
Längenverlustkeine vergleichbare Rekordangabe für 1856203,5 m im Messjahr 2022/23höchster gemessener Jahresverlust

Diese Zahlen stehen im Zusammenhang mit der allgemeinen Erwärmung der Alpen. Höhere Temperaturen verlängern die Zeit, in der die Oberfläche schmilzt. Gleichzeitig fällt in höheren Lagen häufiger Regen statt Schnee. Schnee ist für einen Gletscher nicht nur eine weiße Decke, sondern Nachschub. Fehlt er, beginnt die Oberfläche früher im Jahr zu schmelzen und erhält weniger Schutz vor der sommerlichen Sonneneinstrahlung.

Dazu kommt die Rückkopplung über die Oberfläche. Frischer Schnee reflektiert einen großen Teil der einfallenden Strahlung. Wenn er verschwindet, liegen Firn, älteres Eis oder Schutt frei. Diese Oberflächen nehmen mehr Energie auf. Der Gletscher verliert dadurch nicht nur Material am unteren Ende; auch weiter oben wird die Bilanz schlechter.

Die Pasterze ist in diesem Zusammenhang kein Einzelfall. Sie ist aber der prominenteste Fall Österreichs, weil ihre Größe über lange Zeit als Maßstab diente. Ihr Schrumpfen hat deshalb eine symbolische Dimension, die über die wissenschaftliche Dokumentation hinausgeht. Wenn der größte Gletscher des Landes seine Form und seine Rangposition verliert, wird der Klimawandel nicht abstrakter, sondern sichtbarer.

Der Hufeisenbruch als Zäsur: Warum 2026 die Gletscherzunge abreißt

Der Name klingt harmlos, fast spielerisch: Hufeisenbruch. Gemeint ist eine Stelle im mittleren Bereich der Pasterze, an der das Eis so dünn geworden ist, dass die Verbindung zum oberen Nährgebiet voraussichtlich im Sommer 2026 endgültig reißen wird. Der genaue Zeitpunkt hängt von der Witterung und der Entwicklung der Schmelze ab.

Der Hufeisenbruch markiert die Schwachstelle zwischen dem oberen Bereich des Gletschers, in dem Schnee noch zu Eis verdichtet wird, und der 3,9 Kilometer langen Zunge, die sich talwärts erstreckt. Solange beide Bereiche verbunden sind, besteht zumindest theoretisch ein zusammenhängender Gletscherkörper. Wenn diese Verbindung abreißt, wird der untere Teil vom Nachschub aus dem Nährgebiet abgeschnitten.

Das ist keine bloße Veränderung der Kontur. Es verändert den Zustand der Zunge. Ein aktiver Gletscher kann Material aus höheren Bereichen nachführen. Der untere Teil der Pasterze verhält sich mangels ausreichenden Eisnachschubs bereits jetzt weitgehend wie Toteis, weil seine Fließbewegung nahezu zum Erliegen gekommen ist. Nach dem Bruch wird diese Trennung auch räumlich eindeutig sichtbar.

Dann bleibt keine Gletscherzunge im eigentlichen Sinne mehr, sondern eine große Eismasse, die ihrem weiteren Abschmelzen überlassen ist. Schmelzwasser gräbt Rinnen in die Oberfläche, Spalten öffnen sich, einzelne Blöcke brechen ab. Das Eis reagiert nicht mehr als zusammenhängender, sich langsam bewegender Strom, sondern als instabiler Restkörper. Der Zerfall kann langsam aussehen und trotzdem unaufhaltsam sein.

Der Hufeisenbruch ist damit eine Zäsur in mehrfacher Hinsicht:

  • Hydrologisch verliert die untere Zunge den direkten Nachschub aus dem Nährgebiet.
  • Glaziologisch wird aus einem stark geschwächten, aber noch verbundenen System ein abgetrennter Eiskörper.
  • Landschaftlich verändern sich die Schmelzwasserseen, Moränen und freigelegten Schuttflächen.
  • Für Besucher verschiebt sich der Blick vom Gletscher als Landschaftselement hin zu einem Prozess des Verschwindens.

Für Wanderer und Besucher hat diese Entwicklung direkte Konsequenzen. Wege, die heute zum Gletscher führen, werden sich verändern. Die Seen am Ende der Zunge können wachsen und neue Uferlinien bilden. Moränenflächen werden freigelegt, bleiben zunächst vegetationsfrei und reagieren empfindlich auf Erosion. Ein Weg, der auf einer Karte noch zum Eis führt, kann wenige Jahre später an einer Schuttfläche, einem instabilen Rand oder einem Wasserbecken enden.

Das macht die Pasterze nicht weniger sehenswert. Es macht sie anspruchsvoller. Wer hier unterwegs ist, besucht keinen statischen Aussichtspunkt, sondern eine Landschaft, deren Bedingungen sich laufend ändern.

Toteis statt Fließbewegung: Der schleichende Zerfall der Eismassen

Der Begriff Toteis klingt endgültig, beschreibt aber zunächst einen physikalischen Zustand. Gemeint ist Eis, das nicht mehr oder kaum noch fließt und keinen ausreichenden Nachschub aus einem Nährgebiet erhält. Es kann noch viele Jahre sichtbar bleiben. Ein Gletscher ist es deshalb nicht automatisch im aktiven Sinn.

Bei der Pasterze zeigt sich dieser Zustand besonders deutlich im unteren Bereich. Die Zunge ist nicht einfach eine eingefrorene Version des früheren Gletschers. Ihr Volumen verändert sich weiter, nur der Bewegungs- und Nachschubprozess funktioniert nicht mehr wie einst. Das Eis schmilzt, sackt ab, zerbricht und wird von Wasser durchzogen. Von außen kann eine solche Masse noch gewaltig wirken. Ihre Größe sagt jedoch nichts darüber aus, ob sie noch als Gletscher funktioniert.

Die Folgen reichen über die Eisfläche hinaus. Schmelzwasserseen bilden sich an den Rändern und am Ende der Zunge, oft in Senken, die das zurückweichende Eis geschaffen hat. Sie können sich vergrößern, über Ufer treten und Sediment in tiefer gelegene Bereiche transportieren. Ihre Form ist nicht dauerhaft, weil der Untergrund unter dem Eis und in den Moränen ständig nachgibt.

Auch die Moränen verändern ihren Charakter. Solange das Eis sie stützt, wirken Seiten- und Endmoränen wie feste Landschaftsformen. Wird der Gletscher kleiner, liegen die Wälle frei und sind der Witterung und der Erosion ausgesetzt. Schmelzwasser schneidet neue Rinnen in das lockere Material. Steine und feine Sedimente werden verlagert. Was auf den ersten Blick wie eine stabile graue Fläche aussieht, kann bei näherem Hinsehen aus sehr unterschiedlichen, instabilen Schichten bestehen.

Vegetation kann sich in solchen Bereichen zunächst nur langsam ansiedeln. Das Substrat ist jung, feucht und oft in Bewegung. Pionierpflanzen benötigen Zeit, um Wurzeln zu bilden und den Boden zu stabilisieren. Erst danach können sich weitere Pflanzengesellschaften entwickeln. Der Rückzug des Eises schafft also nicht sofort eine neue alpine Landschaft. Er hinterlässt zunächst Rohboden, Wasser und Schutt.

Diese Übergänge sind ökologisch interessant, aber sie sollten nicht romantisiert werden. Eine neu entstehende Moränenlandschaft ist kein Ersatz für den Gletscher. Sie kann neue Lebensräume hervorbringen, doch sie übernimmt nicht dieselbe Funktion als Wasserspeicher und Landschaftsformer. Der Verlust lässt sich nicht dadurch ausgleichen, dass an anderer Stelle irgendwann wieder Pflanzen wachsen.

Was sich am Großglockner verändert

Für das Tourismusmanagement am Großglockner bedeutet der Zerfall eine Neuausrichtung. Die Gletscherbahn bringt weiterhin Besucher in eine Höhe, in der der Wandel unmittelbar sichtbar wird. Nur ist nicht mehr selbstverständlich, dass die Attraktion am Ende der Strecke ein zugänglicher Gletscher ist. Wege, Aussichtspunkte und Sicherheitsbereiche müssen an eine Landschaft angepasst werden, deren Ränder sich verschieben.

Das verlangt Aufklärung statt Verklärung. Besucherinformationen sollten erklären, warum das Eis verschwindet, wie sich ein Gletscher bewegt und weshalb ein abgetrennter Eiskörper nicht einfach ein kleinerer Gletscher ist. Ein Vorher-Nachher-Bild kann den Wandel eindrucksvoll zeigen. Ohne zeitliche Einordnung bleibt es jedoch eine hübsche Gegenüberstellung – und damit genau die Art von Dekoration, die der Realität nicht gerecht wird.

Wer die letzten großen Gletscher der Ostalpen sehen will, hat ein schrumpfendes Zeitfenster – nicht als Spektakel, sondern als Chance, den Wandel zu begreifen.

Die neue Rangordnung: Wenn der Gepatschferner die Führung übernimmt

Mit der Abtrennung der Pasterzenzunge verschiebt sich eine Rangfolge, die für die österreichische Alpingeschichte beinahe identitätsstiftend war. Die Pasterze, lange Zeit der größte Gletscher des Landes, wird diesen Titel voraussichtlich an den Gepatschferner in den Ötztaler Alpen abgeben. Der Gepatschferner wies 2023 eine Fläche von rund 14,6 Quadratkilometern auf.

Auf dem Papier sieht das zunächst wie ein nüchterner Wechsel aus. Ein Gletscher verliert Rang eins, ein anderer rückt nach. Doch die Statistik verdeckt, was sich geomorphologisch abspielt. Die Pasterze wird nicht deshalb kleiner, weil ein anderer Gletscher plötzlich wächst. Die Rangordnung verschiebt sich, weil das Eis am Großglockner weiter zerfällt und seine bislang zusammenhängende Zunge als eigenständiger Teil des Gletschers aus dem System fällt.

Auch der Gepatschferner ist kein stabiles Gegengewicht. Er leidet unter den gleichen klimatischen Veränderungen, wenn auch in einem anderen Tempo und mit anderen geomorphologischen Begleiterscheinungen. Die neue Nummer eins ist deshalb kein Gewinner im eigentlichen Sinn. Sie übernimmt einen Titel in einer Landschaft, in der die Gesamtentwicklung weiterhin abwärts weist.

GletscherFläche 2023Voraussichtlicher Status
Pasterze, Kärnten16,7 km²Die Zunge soll 2026 abgetrennt werden; die Pasterze verliert dadurch ihre bisherige Rangposition
Gepatschferner, Tirolrund 14,6 km²Übernimmt voraussichtlich Platz eins; ebenfalls vom Rückgang betroffen
Stubacher Sonnblickkees, Salzburgdeutlich kleinerStark fragmentiert
Hintereisferner, Tiroldeutlich kleinerStark fragmentiert

Diese Rangliste ist daher weniger eine Liste von Gewinnern als ein Zustandsbericht. Sie zeigt, wie schnell sich ein scheinbar fester Begriff wie „größter Gletscher Österreichs“ verändern kann. Solche Superlative wirken dauerhaft, sind aber an konkrete physische Bedingungen gebunden. Wenn Eisflächen schrumpfen und sich teilen, wird auch die Sprache ungenau, die wir für sie verwenden.

Für Reisende bedeutet das ein schrumpfendes Zeitfenster, wenn sie die letzten großen Gletscher der Ostalpen noch in ihrer heutigen Gestalt sehen wollen. Nicht, um Panik zu verbreiten oder den letzten Blick als Spektakel zu inszenieren. Sondern weil die Veränderung real ist und das Verständnis dafür, was wir verlieren, eine Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang mit diesen Räumen ist.

Pasterze-Eisschwund: Ursachen und Folgen für die Alpen

Die Pasterze ist kein isoliertes Phänomen. Ihr Rückgang steht beispielhaft für einen Prozess, der in den Alpen, im Himalaya, in den Anden und in der Arktis gleichzeitig sichtbar wird: Gletscher verlieren Masse, weil die klimatischen Bedingungen ihre Bilanz verändern. Über Jahrhunderte und Jahrtausende haben sie Wasser gespeichert, Landschaften geformt und den jahreszeitlichen Abfluss beeinflusst. Wenn sie kleiner werden, verändern sich auch die Täler unterhalb der Eisgrenze.

In der ersten Phase kann mehr Schmelzwasser aus einem Gletscher abfließen. Das wirkt kurzfristig wie ein zusätzlicher Wasserzufluss. Es ist aber kein dauerhaftes Plus, sondern der Abbau eines gespeicherten Vorrats. Wenn die Eismasse weiter schrumpft, fehlt später genau dieses Volumen. Für Landwirtschaft, Ökosysteme und Energiegewinnung bedeutet das eine veränderte Ausgangslage, besonders in warmen und trockenen Perioden.

Am Großglockner kommt noch die Wahrnehmung hinzu. Die Pasterze ist leicht als Symbol zu verstehen, weil ihr Rückzug anhand historischer Bilder, Messdaten und heutiger Aussichtspunkte unmittelbar nachvollziehbar ist. Das Vorher-Nachher ist hier kein abstraktes Diagramm. Es liegt als freigelegter Talboden, als neue Moräne und als Abstand zwischen früherer und heutiger Eisgrenze in der Landschaft.

Trotzdem sollte der Besuch nicht beim Bild stehen bleiben. Wer die Pasterze fotografiert, hält einen Moment fest. Der Gletscher selbst erzählt dagegen eine lange Geschichte aus Akkumulation, Fließbewegung, Schmelze und Anpassung. Erst wenn man diese Prozesse zusammendenkt, wird verständlich, warum der Hufeisenbruch mehr bedeutet als einen sichtbaren Riss im Eis.

Verantwortung statt Verklärung: Was Reisende mitnehmen können

Wer die Pasterze besucht, sollte das nicht als Abschiedstourismus verstehen, sondern als Begegnung mit einer Realität, die unser aller Handeln betrifft. Ein paar Dinge lassen sich mitnehmen, bevor man die Gletscherbahn hochfährt oder die Wege entlang der Moränen einschlägt:

1. Vorher informieren. Die Daten des Österreichischen Alpenvereins machen den Rückgang über mehr als ein Jahrhundert nachvollziehbar. Wer den historischen Höchststand von 1856 mit dem Beginn der systematischen Messungen 1891 und den aktuellen Werten zusammendenkt, sieht mehr als nur zwei unterschiedlich alte Fotografien.

2. Die Landschaft nicht als Kulisse behandeln. Moränen, Schmelzwasserrinnen und neu entstandene Uferbereiche sind empfindliche und teils instabile Räume. Abseits der markierten Wege zu gehen, kann Erosion verstärken und Menschen in gefährliche Bereiche führen.

3. Das Bild mit Kontext verbinden. Ein Foto vom schmelzenden Gletscher wirkt ohne Erklärung schnell wie ein dramatisches Reisemotiv. Aussagekräftiger wird es, wenn sichtbar bleibt, wann das Bild entstanden ist und welche Entwicklung dahintersteht.

4. Keine veraltete Vorstellung von „unberührter Natur“ pflegen. Die Pasterze ist kein statischer, vom Menschen unabhängiger Naturraum. Sie ist ein klimatisches Dokument, dessen heutiger Zustand von globalen Veränderungen geprägt ist.

5. Den Ort nicht zusätzlich belasten. Müll, Abkürzungen über empfindliche Flächen und Wildcampen sind in einer ohnehin instabilen Umgebung keine Nebensachen. Rücksicht ersetzt nicht den Klimaschutz, aber sie verhindert, dass der Besuch den Wandel noch beschleunigt.

Die Pasterze wird weiter schmelzen, selbst wenn die Emissionen morgen drastisch sinken würden. Das Klimasystem reagiert nicht sofort, und ein Gletscher kann nicht innerhalb einer Saison zu seinem früheren Zustand zurückkehren. Was sich beeinflussen lässt, ist das Tempo des weiteren Verlusts – und die Frage, ob wir verstehen, was vor unseren Augen geschieht.

Wer am Großglockner steht und auf das graue, zerfallende Eis blickt, steht nicht nur vor einem Naturereignis. Er steht vor den Konsequenzen menschlichen Handelns, die sich in einer Landschaft materialisieren, die lange für Dauer und Bestand stand. Der Rückzug begann nicht erst mit dem Hufeisenbruch. Er lässt sich anhand des historischen Höchststands von 1856, der systematischen Alpenvereinsdokumentation seit 1891 und der heutigen Messwerte über Generationen hinweg verfolgen.

Die Pasterze war der größte Gletscher Österreichs. Bald wird sie es nicht mehr sein. Was bleibt, ist die Verantwortung, diesen Wandel nicht als Randnotiz hinzunehmen, sondern als das zu begreifen, was er ist: ein Zeichen dafür, dass die Tragfähigkeit unserer natürlichen Systeme endlich ist. Und dass wir die Grenzen dieser Tragfähigkeit gerade erfahren.

Häufige Fragen

Wie viel Fläche hat die Pasterze seit 1856 verloren?
Die Pasterze maß 1856 über dreißig Quadratkilometer und ist bis 2023 auf 16,7 Quadratkilometer geschrumpft, was einem Verlust von rund 45 Prozent entspricht.
Warum wird die Pasterze ab 2026 nicht mehr als größter Gletscher Österreichs gelten?
Mit dem erwarteten Abreißen der 3,9 Kilometer langen Gletscherzunge am Hufeisenbruch verliert die Pasterze ihren Status als zusammenhängender Gletscherkörper und damit ihre Rangposition.
Was passiert mit der Gletscherzunge nach dem Hufeisenbruch?
Nach der Abtrennung vom Nährgebiet erhält die Zunge keinen Eisnachschub mehr und wird zu einem instabilen Restkörper, der als sogenanntes Toteis weiter abschmilzt.
Wie stark ist der jährliche Dickenverlust des Gletschers?
Die Gletscherzunge verliert jährlich bis zu zehn Meter an Dicke, wobei an extrem heißen Sommertagen die Oberfläche um bis zu zwanzig Zentimeter schrumpfen kann.
Seit wann wird der Pasterze-Gletscher wissenschaftlich vermessen?
Die systematische Dokumentation der Gletscherentwicklung durch den Österreichischen Alpenverein begann im Jahr 1891.