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Bedrohte Paradiese

Rhonegletscher im Wandel: Plan für CO2-armen Besuch

Das Belvédère ist dicht. Die einstige Ikone am Furkapass, direkt neben dem Gletschereingang, steht seit Jahren leer – kein Restaurant, keine Übernachtung, kein Souvenirshop.

Rhonegletscher im Wandel: Plan für CO2-armen Besuch

Für Reisende ist diese geschlossene Tür mehr als ein verpasstes Foto: Sie markiert den Ausgangspunkt für jede seriöse Planung. Wer den Rhonegletscher heute besuchen will, muss sein Vorhaben neu justieren. Es geht nicht mehr um eine postkartenhafte Kulisse, sondern um den Besuch einer aktiven Krisenzone, in der ein jahrhundertealtes Naturphänomen gegen die Uhr schmilzt.

Der Plan für einen nachhaltigen Rhonegletscher-Besuch beginnt deshalb nicht an der Gletscherzunge, sondern am Schreibtisch. Wie komme ich ohne Auto hierher? Welche Verbindung passt zur kurzen Sommersaison? Was sehe ich vor Ort tatsächlich – und welche Spuren hinterlasse ich dabei? Wer diese Fragen früh stellt, versteht den Ort anders. Die Reise wird nicht bequemer, aber genauer.

Die Eisgrotte im Rhonegletscher ist kein Naturereignis. Sie ist eine jedes Jahr neu geschlagene Konstruktion, ein jährliches Ritual, das seit 1870 stattfindet. Vier Wochen braucht ein Team, um den Zugang in das blau leuchtende Herz des Eises zu bahnen. Dieses Kunstwerk aus Gletschereis existiert nur durch ständigen, aufwendigen Eingriff. Die Zahlen hinter diesem Unterfangen sind nüchtern: Die Fläche des Gletschers beträgt noch rund 13,58 Quadratkilometer, seine Länge etwa 7,7 Kilometer. Der Trend ist eindeutig und ungebrochen rückläufig.

Die Maßnahmen, die seinen sichtbaren Teil – die Grotte – erhalten sollen, sind damit zugleich Symptom und Anschauungsunterricht. Sie zeigen, wie weit sich der Begriff „Naturerlebnis" verschieben kann, wenn das Naturdenkmal nur noch mit technischer Hilfe zugänglich bleibt.

Die fragile Realität: Gletscherschwund und die künstliche Eisgrotte

Der Rhonegletscher ist einer jener Orte, an denen der Klimawandel nicht erst erklärt werden muss. Er liegt sichtbar vor einem: in der zurückweichenden Zunge, im neu entstandenen See, in der verkürzten Eisgrotte und in der hellen Abdeckung, die Teile des Eises vor der Sonne schützt. Das macht den Besuch eindringlich, aber nicht automatisch nachhaltig. Ein Flug in die Schweiz, die Weiterfahrt im Mietwagen und ein kurzer Fotostopp würden den Ort zwar als Kulisse nutzen, seine Realität aber verfehlen.

Die Grotte ist dabei ein besonderer Fall. Sie wird nicht einfach entdeckt, sondern jedes Jahr aufs Neue in den Gletscher geschlagen. Ihr blaues Licht wirkt natürlich, ihre Entstehung ist es nicht. Der Zugang muss an die jeweilige Form und Stabilität des Eises angepasst werden. Was im Juli wie ein dauerhaftes Bauwerk erscheint, kann im September bereits deutlich verändert sein. Wände ziehen sich zurück, Decken werden niedriger, die Proportionen verschieben sich.

Das ist der entscheidende Unterschied zu einer klassischen Sehenswürdigkeit: Der Besucher kommt nicht zu einem fixen Objekt. Er trifft auf einen Zustand innerhalb eines laufenden Prozesses. Die Eisgrotte ist für einige Monate begehbar, aber sie ist nicht dauerhaft. Ihre Existenz hängt von einer Kombination aus Gletscherrest, menschlicher Arbeit und Schutzmaßnahmen ab.

Auch der Zugang sollte nicht romantisiert werden. Der Bereich rund um die Gletscherzunge ist kein gewöhnlicher Spazierweg im Flachland. Eis, Wasser, wechselnde Untergründe und alpine Wetterumschwünge verlangen Aufmerksamkeit. Absperrungen stehen nicht dort, um die beste Fotoperspektive zu verhindern, sondern weil sich die Bedingungen verändern können. Wer den Rhonegletscher besichtigt, sollte diese Grenzen nicht als lästige Umleitung betrachten. Sie gehören zur Realität des Ortes.

Ein Besuch, der sich nicht auf ein Foto reduzieren lässt

Die klassische Erwartung an einen Gletscherbesuch lautet: ankommen, Grotte betreten, fotografieren, weiterfahren. Am Rhonegletscher funktioniert dieses Muster immer weniger. Die Grotte ist nur der sichtbarste Teil einer Geschichte, die sich auch außerhalb des Eingangs abspielt. Der Rückzug des Eises, die Abdeckung, der See und die Verkehrswege erzählen zusammen mehr als das blaue Innere allein.

Wer Zeit mitbringt, sollte deshalb nicht sofort zur Grotte gehen, sondern zunächst die Umgebung lesen. Wo endet das Eis heute? Welche Flächen sind bereits eisfrei? Wie liegt der See zur Gletscherzunge? Welche Bereiche sind durch Vlies geschützt? Diese Beobachtungen sind keine wissenschaftliche Vermessung. Sie helfen aber, die Attraktion nicht aus ihrem Zusammenhang zu lösen.

Der Rhonegletscher ist kein Ort, an dem sich der Klimawandel bequem aus sicherer Entfernung betrachten lässt. Der Abstand zwischen Erlebnis und Eingriff ist klein. Jede Infrastruktur, die den Besuch ermöglicht, macht zugleich sichtbar, dass die ursprüngliche Landschaft nicht mehr unverändert vorhanden ist.

Vlies gegen die Sonne: Der aufwendige Kampf um den Eiserhalt

Das prominenteste Werkzeug im Erhaltungskampf ist unspektakulär: Vlies. Rund 50.000 Quadratmeter Abdeckvlies werden über dem Abschnitt des Gletschers ausgebreitet, der die künstliche Grotte schützt. Dies ist die größte Gletscherabdeckung der Schweiz. Das Material wirkt wie ein heller, technischer Fremdkörper in einer Landschaft, die viele Besucher gerade wegen ihrer vermeintlichen Unberührtheit aufsuchen.

Der Mechanismus ist einfach: Das reflektierende Material hält einen Teil der intensiven Sommerstrahlung vom Eis fern und verlangsamt die Schmelze lokal um etwa zwei Drittel. Es handelt sich nicht um eine Rettung des Gletschers, sondern um eine Maßnahme zur Verzögerung. Die Abdeckung kauft Zeit – für die Grotte, für den Zugang und für die touristische Saison. Mehr kann sie nicht leisten.

Die Realität vor Ort macht die Grenzen dieser Taktik deutlich. Obwohl die Sonne abgeschirmt wird, schrumpft die Eisgrotte im Verlauf einer Sommersaison trotzdem drastisch. Beginnt sie Anfang Juli mit einer beeindruckenden Länge von rund 100 Metern, kann sie bis zum Saisonende im September auf 40 bis 80 Meter zusammengeschmolzen sein. Der Besucher erlebt also keinen statischen Zustand, sondern einen beschleunigten Prozess.

Die Grotte wird dadurch nicht wertlos. Im Gegenteil: Gerade ihre Veränderlichkeit macht sie zu einem ungewöhnlich direkten Zeugnis des Gletscherschwunds. Aber dieser Wert liegt nicht in einer vermeintlichen Ewigkeit. Wer hineintritt, betritt einen temporären Raum, der bereits während der eigenen Reise kleiner werden kann.

Der Kostenfaktor dieser Erhaltungsmaßnahmen liegt nach Schätzungen der Betreiber zwischen 0,60 und 7,90 CHF pro Kubikmeter künstlich erhaltenem Gletschereis pro Jahr – eine laufende Investition in eine schützende Struktur, die langfristig nicht zu retten ist. Die Spannweite verweist auf die schwierige Rechnung hinter dem Vlies: Aufwand, Fläche, Eisvolumen und lokale Bedingungen lassen sich nicht in eine einfache Eintrittspreislogik übersetzen. Das Geld hält keinen Gletscher an. Es hält einen Zugang für eine begrenzte Zeit offen.

Die Abdeckung stoppt den Schwund nicht. Sie verwandelt einen raschen Kollaps in eine langsamere, beobachtbare Schrumpfung – das ist der eigentliche Sehenswert.

Diese Abhängigkeit vom technischen Eingriff ist die Kernbotschaft für den Besucher. Man steht nicht vor einem Naturdenkmal, das sich selbst überlassen bleibt, sondern vor einer riesigen, temporären Konservierungsmaßnahme. Der Vlieskorridor über dem Gletscher ist nicht einfach unschön. Er ist ein stummer Zeuge des Eingriffs und verändert das Landschaftsbild fundamental.

Das sollte auch die Fotografie bestimmen. Ein Bild, auf dem nur das blaue Eis zu sehen ist, kann die Situation am Ort leicht beschönigen. Das Vlies, die Wege, die Absperrungen und der See gehören zur Aufnahme ebenfalls dazu. Sie machen das Bild weniger glatt, aber ehrlicher. Der Rhonegletscher braucht keine zusätzliche Dramatisierung. Seine technische Erhaltung ist bereits Aussage genug.

Warum die Abdeckung nicht zum Freifahrtschein wird

Die Abdeckung erzeugt ein Missverständnis, wenn man sie als Beweis für erfolgreiche Rettung liest. Sie schützt einen begrenzten Abschnitt unter bestimmten Bedingungen. Sie verändert weder das Klima noch den allgemeinen Rückzug des Gletschers. Auch die künstliche Grotte bleibt ein saisonales Objekt, dessen Zustand sich schnell verschlechtert.

Für den Besuch heißt das: nicht auf ältere Bilder oder allgemeine Reiseempfehlungen vertrauen. Die Grotte kann in einem anderen Sommer anders aussehen, der Zugang kann sich verändert haben, und Wetter oder Sicherheitsauflagen können den Ablauf beeinflussen. Eine nachhaltige Planung besteht hier auch darin, die eigene Erwartung beweglich zu halten. Wer mit dem Anspruch anreist, exakt das Motiv eines früheren Besuchs oder eines Reisefotos wiederzufinden, macht aus dem Wandel ein Ärgernis. Wer ihn als Teil des Ortes akzeptiert, sieht genauer hin.

Anreise ohne Auto: Mit Bahn und Dampfzug zum Furkapass

Ein nachhaltiger Besuch des Rhonegletschers verlangt nach einer konsequenten Entscheidung am Startpunkt: das Fahrzeug stehen zu lassen. Die Infrastruktur dafür ist vorhanden, verlangt aber Disziplin bei der Planung. Der Korridor zum Gletscher führt über Schienen, Busverbindungen und eine spezialisierte Postauto-Linie. Die letzte Etappe ist nicht der beiläufige Anschluss nach einem langen Ausflugstag, sondern ein Teil der Reise, der mitgedacht werden muss.

Der historische Transit mit der Dampfbahn

Die Dampfbahn Furka-Bergstrecke (DFB) ist mehr als ein Transportmittel. Sie ist ein Relikt einer anderen Ära und ein langsamer, bewusster Zugang zum Furkapass. Auf einer 18 Kilometer langen Zahnradstrecke zwischen Realp und Oberwald überwindet der Zug den Pass. Die Fahrt ist kein schneller Zubringer. Sie verlangt Geduld, eröffnet dafür aber einen anderen Blick auf die Strecke und die alpine Topografie.

Der Dampfzug passt deshalb inhaltlich zum Besuch, ohne dadurch automatisch klimaneutral zu werden. Eine Dampfbahn verbraucht Energie und verursacht Emissionen; ihre Stärke liegt nicht in einem unsichtbaren Fußabdruck, sondern darin, dass sie eine autofreie Anreise als eigenständiges Erlebnis ermöglicht. Wer sie nutzt, sollte diesen Unterschied nicht verwischen. CO2-arm ist nicht dasselbe wie emissionsfrei.

Betriebszeit 2026: 18. Juni bis 27. September. Für die konkrete Reise zählen neben diesen Saisonangaben auch die einzelnen Fahrtage, Anschlüsse und Reservierungsbedingungen. Eine Verbindung, die auf dem Papier funktioniert, kann durch lange Wartezeiten oder einen verpassten Anschluss schnell unpraktisch werden.

Die flexible Postauto-Anbindung

Für eine direktere Anbindung dient die Postauto-Linie 12.681. Sie verbindet Andermatt mit Oberwald und bedient direkt die Haltestelle am Gletscher. Die Fahrt über den Furkapass ist spektakulär und effizient. Sie ist der taktische Rückhalt für Tagesbesucher, die ihre Zeit vor Ort nicht vollständig auf der Schiene verbringen wollen.

Betriebszeit 2026: 20. Juni bis 4. Oktober. Auch hier gilt: Saisonzeiten sind keine Garantie für einen beliebigen Tagesablauf. Fahrplan, Wetterlage und verfügbare Anschlüsse müssen vor der Abfahrt geprüft werden. Gerade am Pass ist die alpine Umgebung kein neutraler Hintergrund, sondern ein Faktor, der die Logistik beeinflusst.

Die beiden Varianten lassen sich nicht nur gegeneinander ausspielen. Die DFB kann als Erlebnisabschnitt dienen, während das Postauto ein fehlendes Teilstück übernimmt. Dadurch entsteht eine Reise, die nicht auf maximale Geschwindigkeit, sondern auf eine sinnvolle Kombination aus Bahn, Bus und Fußweg setzt.

ParameterDampfbahn Furka-Bergstrecke (DFB)Postauto-Linie 12.681
CharakterHistorisch, erlebnisorientiert, langsamModern, effizient, direkt
Streckenlänge18 km zwischen Realp und OberwaldQuerung des Furkapasses zwischen Andermatt und Oberwald
CO2-FußabdruckCO2-arm im Vergleich zur AutofahrtNiedriges Emissionsniveau im Vergleich zur individuellen Autofahrt
Saison 202618. Juni bis 27. September20. Juni bis 4. Oktober
Ideal fürMenschen, die die Anreise als Teil der Reise verstehenReisende mit engem Zeitfenster und direktem Ziel
KombinationGut mit dem Postauto ab Oberwald kombinierbarKann das letzte Teilstück zum Gletscher übernehmen

Die ehrliche Einordnung ist wichtig. Die Strecke der DFB ist nicht elektrifiziert, und die Dampfbahn sollte nicht mit einer elektrischen Traktion verwechselt werden. Ebenso wäre „klimaneutral" eine unbelegte und irreführende Beschreibung. CO2-arm kann die Anreise im Vergleich zum Auto sein, besonders wenn die gesamte Reise mit öffentlichen Verkehrsmitteln erfolgt. Eine Dampflokomotive bleibt dennoch ein historisches Fahrzeug mit realem Energieverbrauch.

Planung statt improvisierter Umstieg

Die Vorbereitung ist alles. Die „Dokumentenlage" bedeutet hier nicht Papierarbeit, sondern Fahrpläne, Umstiegszeiten und Saisonabgleich. Wer von weiter her anreist, sollte den Weg in Etappen denken:

1. Die Hauptstrecke bis zum regionalen Knoten planen. Andermatt und Realp spielen für unterschiedliche Anreisevarianten eine wichtige Rolle. Die Verbindung bis dorthin entscheidet, ob der weitere Tagesablauf entspannt oder knapp wird.

2. Den Passabschnitt nicht als garantierten Anschluss behandeln. Postauto und DFB haben eigene Fahrpläne und Betriebszeiten. Ein Puffer ist sinnvoller als eine minutiöse Kette, bei der bereits eine kleine Verspätung den ganzen Besuch kippt.

3. Die Rückfahrt zuerst mitdenken. Am Gletscher länger zu bleiben ist leicht. Schwieriger kann es werden, wenn dadurch der letzte passende Bus oder Zug verpasst wird.

4. Die DFB reservieren. Für die Dampfbahn ist eine Reservierung zwingend. Ohne sie wird aus der sorgfältig geplanten autofreien Anreise schnell ein unnötiges Risiko.

5. Die Wetterlage und den Zustand vor Ort prüfen. Der Besuch einer Gletscherzunge ist nicht vollständig von einem Fahrplan abhängig. Kleidung, Schuhe und ein realistisches Zeitfenster gehören ebenso zur Planung.

Die Logistik endet nicht in Oberwald, sondern genau an der Gletscherzunge. Die Bahn bis Oberwald oder Andermatt ist der erste Schritt; der eigentliche Korridor zum Eis beginnt mit dem Postauto, der Dampfbahn und dem anschließenden Zugang. Das klingt nach mehr Aufwand als die direkte Fahrt mit dem Auto. Genau das ist der Punkt: Wer emissionsärmer reisen will, kann die Infrastruktur nicht so behandeln, als wäre sie ein individueller Shuttle.

Der neue Gletschersee: Zeuge einer sich wandelnden Hochgebirgslandschaft

Am Ende des Zustiegs wartet nicht nur die Grotte. Seit 2006/2007 hat sich an der Zunge des Rhonegletschers ein neuer See gebildet. Dieser Gletschersee ist der visuelle Beweis für das, was die Daten sagen: Rückzug. Das Eis, das einst den ganzen Talboden füllte, weicht einer wachsenden Wasserfläche.

Für den Besucher ist dieser See ein zentraler Beobachtungspunkt. Er markiert eine neue, fragile Grenze zwischen Eis, Wasser und bereits eisfreiem Gelände. Die Landschaft wirkt dadurch nicht stabiler, sondern vorläufiger. Wo früher eine geschlossene Eisfläche lag, entsteht ein Raum, dessen Aussehen sich mit dem weiteren Rückzug des Gletschers verändern wird.

Die Bildung solcher Seen kann den Schmelzprozess beschleunigen. Dunkleres Wasser absorbiert mehr Sonnenwärme als helles Eis und verstärkt so das Abschmelzen von unten. Die Landschaft am Rhonegletscher ist also nicht nur Kulisse, sondern ein aktives System im Umbruch. Der See ist Indikator und möglicher Verstärker des Wandels zugleich.

Diese Dynamik erklärt, warum Abstand nicht bloß eine höfliche Empfehlung ist. Uferbereiche können instabil sein, Wasserstände und Eisränder verändern sich, und die Grenze zwischen sicherem Weg und empfindlicher Zone ist nicht immer intuitiv erkennbar. Ein verantwortungsvoller Besuch bedeutet deshalb:

  • markierte Wege und Absperrungen respektieren, auch wenn eine Abkürzung harmlos aussieht;
  • nicht auf das Eis, an instabile Ränder oder in abgesperrte Bereiche gehen;
  • Abstand zu Uferzonen halten, auch wenn das Foto dadurch weniger spektakulär wird;
  • den See als Teil eines laufenden Prozesses wahrnehmen und nicht als Badestelle oder Picknickplatz behandeln;
  • keine Steine, keinen Müll und kein Feuer in die karge Moränenlandschaft eintragen.

Wer den See ignoriert, verpasst einen Großteil dessen, was der Rhonegletscher heute erzählt. Die Eisgrotte liefert den unmittelbaren Sinneseindruck, der See liefert den zeitlichen. Beide zusammen ergeben ein Bild, das kein Reiseführer der Welt korrekt einfangen kann – gerade weil es sich beim nächsten Besuch schon wieder verschoben haben wird.

Verantwortung vor Ort: Was der Besuch über den Klimawandel lehrt

Am Rhonegletscher wird der Klimawandel nicht als Diagramm verhandelt, sondern als sichtbare Veränderung. Die meisten Besucher kommen genau deshalb: weil sie sehen wollen, was in den Nachrichten nur als Kurve auftaucht. Dieser Wunsch ist berechtigt, aber er hat eine Kehrseite. Wer anreist, um sich ein Bild zu machen, übernimmt auch eine Verantwortung gegenüber dem Ort, der dieses Bild liefert.

Ein bewusster Besuch beginnt mit einer einfachen Frage: Was bedeutet es, einen schmelzenden Gletscher zu besuchen, ohne ihn zusätzlich zu belasten? Die Antwort liegt nicht in einem Verzicht, der die Reise unmöglich macht, sondern in einer Haltung, die den Ort nicht zur Bühne degradiert. Der Gletscher ist kein Set für ein Erinnerungsfoto. Er ist ein empfindlicher alpiner Naturraum, der seit Jahrzehnten unter Druck steht – nicht durch einzelne Besucher, sondern durch die Summe globaler Eingriffe. Aber jeder zusätzliche lokale Druck zählt.

Die zentrale Lehre des Rhonegletschers ist die Diskrepanz zwischen Symbol und Substanz. Das Eis ist zum Symbol des Klimawandels geworden. Es steht auf Plakaten, in Vorträgen, in Spendenaufrufen. Am Ort selbst zeigt es etwas anderes: die Grenzen menschlicher Korrektur. Das Vlies hält die Sonne ab, aber nicht das wärmere Klima. Die Grotte wird jedes Jahr neu geschlagen, weil das Eis darunter wegschmilzt. Der See wächst, weil das Wasser aus dem Gletscher kommt. Was der Besucher hier lernt, ist keine einfache Botschaft. Es ist die Einsicht, dass Anpassung und Erhaltung nicht dasselbe sind.

Diese Einsicht lässt sich nicht konservieren wie das Eis unter dem Vlies. Sie entsteht nur, wenn man bereit ist, die eigenen Maßstäbe anzupassen. Wer den Rhonegletscher besucht, sollte sich von der Vorstellung verabschieden, dass ein Naturerlebnis immer ein Erlebnis der Stabilität sein muss. Stabilität ist hier die Ausnahme, nicht die Regel. Das macht den Besuch unbequem, aber auch genau.

Vom Beobachten zum Handeln: Die Frage nach der eigenen Spur

Die naheliegende Frage nach dem Besuch lautet: Was ändert das Gesehene? Die ehrliche Antwort ist: nicht automatisch viel. Ein Foto auf dem Smartphone, ein Eintrag im Reisetagebuch, eine Geschichte am Abend – das alles ist menschlich und wertvoll, bleibt aber folgenlos, wenn es nicht in eine bewusste Haltung eingebettet ist. Der Rhonegletscher ist kein Ort, der Erleuchtung garantiert. Er ist ein Ort, der Fragen stellt, die der Besucher mit nach Hause nehmen muss.

Konkret heißt das: Wer seinen CO2-Fußabdruck beim Anreiseweg ernst nimmt, wer die Grotte nicht als Souvenir behandelt, wer das Vlies nicht als störendes Accessoire abwertet, und wer die Rückreise mit derselben Sorgfalt plant wie die Anreise, hat den Besuch nicht perfekt, aber verantwortlich gestaltet. Perfektion ist in einer Krisenzone ohnehin kein sinnvoller Maßstab. Es geht um die Richtung, nicht um die Absolution.

Der Rhonegletscher lässt sich nicht retten, indem man ihn besucht. Aber er lässt sich verstehen – und das ist die Voraussetzung dafür, dass das, was hier verschwindet, nicht nur als Verlust, sondern auch als Auftrag erinnert wird.

Die Anreise mit Bahn und Postauto, die bewusste Wahrnehmung der Abdeckung, die Beobachtung des neuen Sees und der respektvolle Umgang mit den Absperrungen sind keine moralischen Extras. Sie sind die natürliche Konsequenz aus dem, was der Ort selbst zeigt. Wer den Gletscher als das sieht, was er ist – ein sensibles alpines System am Rand seiner Existenz –, handelt nicht aus Großzügigkeit, sondern aus Kohärenz.

Das ist die Lehre, die kein Reiseführer so formulieren würde: Nachhaltigkeit ist hier kein Zusatz zum Erlebnis, sondern dessen Voraussetzung. Wer den Rhonegletscher besucht, kann das Eine nicht ohne das Andere haben. Entweder man reist so, dass der Besuch seine Aussage nicht selbst untergräbt – oder man bleibt besser zu Hause und überlässt den Blick demjenigen, der die Verantwortung dafür übernimmt, was er dort hinterlässt.

Häufige Fragen

Wie kann ich den Rhonegletscher ohne Auto erreichen?
Die Anreise ist über die Dampfbahn Furka-Bergstrecke bis Oberwald oder die Postauto-Linie 12.681 möglich, die Andermatt mit Oberwald verbindet und direkt am Gletscher hält.
Warum wird der Rhonegletscher mit Vlies abgedeckt?
Das reflektierende Vlies schützt das Eis vor intensiver Sommerstrahlung und verlangsamt die Schmelze lokal um etwa zwei Drittel, um den Zugang zur Eisgrotte für die Saison zu erhalten.
Ist die Eisgrotte im Rhonegletscher ein natürliches Phänomen?
Nein, die Grotte ist eine künstliche Konstruktion, die seit 1870 jedes Jahr in einem vierwöchigen Prozess neu in das Eis geschlagen werden muss.
Warum sollte man bei einem Besuch Absperrungen unbedingt beachten?
Die Bedingungen rund um die Gletscherzunge sind instabil und verändern sich ständig, weshalb Absperrungen der Sicherheit der Besucher dienen.
Wie verändert sich die Eisgrotte während der Sommersaison?
Die Grotte schrumpft kontinuierlich; ihre Länge kann von etwa 100 Metern zu Saisonbeginn im Juli auf 40 bis 80 Meter bis September abnehmen.