Beitragsbild Bar-Sur-Aube

Von Zügen und von Menschen, die bleiben

In einem kleinen Dorf in der Champagne sprechen wir über U-Bahn-Stationen. Nicht, dass es hier eine gäbe. Aber unser Gastgeber, nach dessen Namen wir in diesen zwei Tagen nie fragen und er nicht nach unseren, liebt U-Bahn-Stationen. Und Bahnhöfe. Jeden Tag, so erzählt er uns, gehe er zum Bahnhof von Bar-sur-Aube, diesem kleinen Dorf eben, und warte auf den Zug, der einmal die Stunde fährt. Und wenn er kann, bereist er U-Bahn-Stationen im ganzen Land, zu Fuß. Sein Großvater nahm ihn mal zu einem Bahnhof mit, seitdem ist er verliebt. Es ist eine Geschichte von dieser plumpen Romantik, wie sie in Romanen als Charakterzug aufgedrückt wird, er schaute den Zügen nach, zu groß für diese schnöde Welt und diesen 20-Jährigen, aber die richtige Geschichte vielleicht für diesen Ort.

Viele Häuser stehen zum Verkauf

Wir sind in Bar-sur-Aube gelandet, auf die Art, wie man in solchen Orten so landet. Wir wollten Wasser nachfüllen für unsere Kanister, dann musste man die Jetons für die Zapfsäule in der örtlichen Pizzeria kaufen und wir liefen dahin und fanden es schön. Vielleicht dient das blöde Jeton-System also bloß dazu, dass man ein bisschen bleibt. Bar-sur-Aube, rund 5.000 Menschen, ist ein Ort, wo niemand bleibt, erzählt unser Begleiter. Viele Häuser stehen zum Verkauf; das, was die Einheimischen arm finden und Reisende schön, ist ja oft dasselbe. Die älteren Häuser sind mit bunten Fensterläden verziert, die Straßen schlingen sich mittelalterlich in engem Bogen um die Kirche.

Beitragsbild Bar-Sur-Aube

An den Seiten der Straße blüht Lavendel. Und die Aube fließt flach und träge dahin. Die Häuser sind direkt am Wasser gebaut mit einem Hauch von Venedig, man könnte aus dem Fenster angeln. Und es ist kein Prophet, wer glaubt, dass es hier nicht viele Jobs gibt.

Unser Gastgeber, der mit den U-Bahn-Stationen, hat mal versucht, aus dem Fenster zu angeln. Er lebt im ersten Haus an der Brücke bei seinen Großeltern, wenn er kann. Wenn er muss, studiert er in Paris Film, aber die Großstadt sei nicht seine Welt. „Ich liebe das Dorf, hier kann ich atmen“, schreibt er in einer der ersten Nachrichten über Couchsurfing. „Hier fühle ich mich frei.“ Was man so schreibt auf solchen Portalen, aber er sagt solche Sätze auch laut, lächerlich wirkt es nicht. Bar-sur-Aube ist umgeben von Feldern und Weinbergen, und wer weiter fährt nach Norden oder nach Süden stößt auf weitere Felder, endloses Korn bis zum Horizont.

Aussicht Bar-Sur-Aube

Eine Art Midwest Frankreichs, Dörfer, durch die Touristen, sagt unser Begleiter, nur selten fahren. Wir steigen auf einen Hügel, der den Blick auf die umliegenden Felder freigibt, sein Großvater hatte auch eine Parzelle mit Gemüse. „Den Leuten in Paris fehlt es an Respekt vor der Leistung der Leute auf dem Land“, sagt er dort oben. „Wenn wir nicht wären, gäbe es keinen Käse, keinen Wein, keine Milch.“ Man muss ihn sich nicht als allzu pathetischen Genossen vorstellen, wirklich nicht, er plaudert ununterbrochen. Aber er wirkt wie jemand, der weiß, was er gut findet, auch, wenn seine Vorlieben anders sind als die vieler, U-Bahn-Stationen und Dorfleben. Die Mehrheitsgesellschaft würde sagen: ein bisschen schräg. Von einer Welt, deren Uhr anders läuft.

Er hat es finanziell nicht leicht gehabt, erzählt er gelegentlich. In vielen prekären Jobs gearbeitet, in schlechten Momenten habe er sich auf der Straße Spenden für Postkarten erbeten. Mehrfach hat er mit den Gelbwesten demonstriert, und war wütend über die Medien, die nur die Gewalt zeigten, um die Menschen abzuschrecken. Kurz bevor wir in Bar-sur-Aube waren, fanden in Frankreich die Kommunalwahlen statt, deren grüne Welle das Land überraschend überrollte. Und Mister Metro war begeistert. „Ich hoffe, die Krise bringt die Menschen zum Umdenken.“ So spiegeln sich Widersprüche in einem Menschen, der die Monokulturen auf dem Land als seine liebste Landschaft bezeichnet.

Beitragsbild Bar-Sur-Aube

Das Dorf, das er liebt, ist konservativ, trotzdem wird er hier wohnen, sobald er kann. Wir stehen am Rathaus, mit Landesflaggen gepflastert, er sagt, er hasse Marine Le Pen. „Ich liebe Frankreich und ich lebe gern hier. Aber manche Franzosen können nicht unterscheiden zwischen Patriotismus und Nationalismus, das ist ein Problem.“ Beinahe so wie seine Region liebt er das Reisen, auf seine Art. Er dreht Filme über die U-Bahn-Stationen, zu denen er wandert, in Frankreich, Belgien, den Niederlanden. Nach Deutschland will er auch mal. In einem Impuls warnen wir ihn vor, die seien nicht besonders schön, dann korrigiere ich mich: „Deine Definition, was eine schöne U-Bahn-Station ist, ist wahrscheinlich anders.“ „Ja“, sagt er, „die ist anders.“

Name: Bar-sur-Aube

Was der Lonely Planet nicht hat: Einen kleinen Wanderweg zum Hügel über dem Dorf. Über die Brücke vom Stadtkern aus gehen und weiter den Berg hinauf durch den Wald, etwa zwanzig Minuten zur Hügelkuppe. Oben eine alte Kapelle und ein Baum, den die Anwohner Teufelsbaum nennen – wer zwanzig Mal darum herum läuft, sieht angeblich den Teufel. Oder rennt gegen den Baum. Die Aussicht auf die umliegenden Felder und Dörfer ist wunderschön.

Muehle_Bar_Sur_Aube

Was der Gastgeber findet, das du sehen solltest: Die Champagne im Herbst besuchen, wegen der bunten Blätter. Und wegen der alten Wassermühle in Bar-sur-Aube, deren Efeu dann rot leuchtet. Die lohnt sich aber auch so. Außerdem den Lac d’Auzon-Temple, seinen Lieblingsort, einen See und Wasserreservoir im Westen. Den kleinen Ort Essoyes. Und die Stadt Troyes, einen hübschen Ort mit schiefen Fachwerkhäusern, die ein bisschen aussehen wie die Winkelgasse bei Harry Potter.

Wo er gern isst: In der Pizzeria Michel Ange im Dorf Brienne-le-Château. Ist mit seiner Großmutter oft nur für die Pizza hingefahren. Oma ist gebürtige Italienerin und hatte selbst mal eine Pizzeria, muss es also wissen. Allerdings hat gerade der Inhaber gewechselt, für die neue Pizza übernimmt unser Mann also keine Garantie.

Welchen Alkohol kaufen: Champagner, was sonst. Im Supermarkt derbe günstig; guter Champagner, sagt er, ab zehn Euro.

Veröffentlicht von

Alina Schwermer

Freie Journalistin, schreibt viel für die taz, für die Deutsche Welle, aber auch für die Jungle World und wer sie sonst so fragt. Am liebsten über Sport und Reisen. Wollte nie einen Reiseblog machen und hat nicht lange durchgehalten.

4 Gedanken zu „Von Zügen und von Menschen, die bleiben“

  1. Schön…. vor allem, Orte als Fremde zu sehen und die Sicht zu verändern, wenn Menschen von Ihren Bild der Welt erzählen…und Ihre Emotionen dem Ort einen fühlbaren Wert geben..

Schreibe einen Kommentar zu Sylvi Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.