Unter Gelbwesten

Die Puppe trägt eine gelbe Weste, eine Jakobinermütze und über dem Herzen eine Aufschrift: „Macron hat mich getötet“. Sie wacht leblos vor einer liebevoll eingerichteten Baracke aus Holz und Planen, mit Küche, Plumpsklo, Lichterketten und gelben Warnwesten dekoriert, und einer langen Liste sozialer Forderungen der Gelbwesten von Pont-de-l’Étoile, einem Dörfchen im Süden Frankreichs nicht weit von Aix-en-Provence. Sie sind die letzten Versprengten, nach eigener Aussage das letzte aktive Gelbwesten-Camp der Region. Eine Gruppe sitzt draußen um den Tisch, bei Wein und Thunfischsalat, wir haben zufällig hier gehalten. Sie haben uns erst Werkzeug geliehen und uns dann eingeladen.

Gelbwesten Puppe

„Zwei Sou, bitte“, sagt zwinkernd einer, der den Salat rüber reicht. Sie sitzen oft hier zusammen, Freunde mehr als MitstreiterInnen. „Wir haben etwas erreicht, aber der Staat hat hart zurückgeschlagen“, sagt der, der neben mir setzt. Viele Camps seien gewaltsam von der Polizei geräumt oder in Brand gesteckt worden, viele Ex-DemonstrantInnen hätten jetzt zu viel Angst vor der Gewalt der Ordnungskräfte. „Auf Papier haben wir nichts bewirkt. Aber wir haben einen Gesprächskorridor eröffnet.“ Eine Gesellschaft, die jetzt redet.

In Deutschland, denke ich, während wir üppig mit Salat, Brot und Wein versorgt werden, sind viele Linke nie so richtig warm geworden mit der französischen Gelbwestenbewegung. Rassistische und homophobe Äußerungen wurden angeprangert, die Gewalt bei Demos, und vieles lief unausgesprochen auf eines hinaus: dass das hier mehrheitlich keine Intellektuellen sind. Sondern Milieus, die man abstrakt gern idealisiert, aber in ihrer Andersartigkeit dann doch nicht so gern aus der Nähe sieht. Oder sprechen lässt. Es ist dabei eine verblüffend diverse Mischung im Camp.

Gelbwesten ForderungenDa sind die Gastgeber, ein altes Paar, das im Wohnwagen lebt, weil sie anderes nicht bezahlen können. „Im Winter, wenn alles billiger ist, fahren wir ans Meer“, erzählt die alte Frau. Da ist eine unausgesprochene Anführerin, Typ linksliberale Studentin, die klagt über die hohen Mieten und die arbeitslose Jugend. Am anderen Ende des Tisches sitzt einer, bis zum Hals tätowiert, der gerade im Knast war und in manisch schnellen Monologen die These vertritt, Macron und die ganze Regierung sei auf Koks. Da ist der weiße Vater mit seiner Tochter, der seinen Job verloren hat, und der stille Arabischstämmige, der als Erster wieder weg muss, weil er 13 Stunden am Tag arbeitet, unter anderem als Türsteher in Clubs. Die Erlebnisse von Not und Ausbeutung sind es, die sie einen. Und bei allen Unterschieden haben sie bemerkenswerterweise eine Sprache gefunden, eine Herzlichkeit. Durchmischter als manch vermeintlich progressive Crowds.

Und gleichzeitig ist ihr Antikapitalismus eine kuriose Mischung, die immer wieder zur Vereinfachung neigt, zum Glauben an den großen, bösen Plan. Der, der im Knast war, sagt: „Ich habe den Verdacht, dass hinter Covid was ganz anderes steckt. Das kommt ihnen gerade recht, um uns zu zerschlagen“, und bekommt dafür große Zustimmung. Der arbeitslose Vater zeigt ein Rap-Video, das den Kapitalismus kritisiert, in dem es aber auch um „eine Jahrhunderte lange Verschwörung“ von Klerus und Banken geht, ein anderer munkelt, die Leute würden bald sehen, „wer wirklich dahinter steckt“.

„Die haben mehr Angst vor uns als wir vor ihnen“

In diesen Momenten sind sie von Pegida nicht weit entfernt. Aber vereinfachte Weltbilder machen ihren Kampf um Gerechtigkeit nicht wertloser. Und wer Menschen hören will, kann hier viel lernen über Lebenswirklichkeiten, Not, Solidarität. Sie wollen bald weiter demonstrieren. Auf die Frage, ob sie keine Angst hätten vor Repression, lächeln sie bisschen und wägen ab. Der arbeitslose Vater sagt schließlich: „Die haben mehr Angst vor uns als wir vor ihnen.“

Der Text ist in leicht anderer Fassung zuerst in der taz erschienen

 

Ort: Pont-de-l’Étoile, ein winziges Dorf nördlich von Aubagne. Das Camp ist auf einem Parkplatz Nähe Autobahn

Was du da machen kannst: Anhalten, diskutieren, Leute kennenlernen. Auch solche, mit denen du sonst nicht zu tun hast.

Was die Gastgeber empfehlen, was du sehen solltest: Cassis, einen hübschen Ort an der Côte d’Azur, gefühlt etwas weniger überlaufen und etwas günstiger als der Rest. Wir waren später dort und mochten es. Auch sehr voll, aber eher noch ein etwas eigenständiger Ort und nicht einer, der nur für TouristInnen existiert.

Wann du fahren solltest: Außerhalb der Saison. Von etwa Oktober bis März dürfen Wohnmobile an der Côte d’Azur teils kostenlos stehen.

 

Veröffentlicht von

Alina Schwermer

Freie Journalistin, schreibt viel für die taz, für die Deutsche Welle, aber auch für die Jungle World und wer sie sonst so fragt. Am liebsten über Sport und Reisen. Wollte nie einen Reiseblog machen und hat nicht lange durchgehalten.

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