Löcher, die geschlossen werden

Aus Nova Gradiška geht man früh fort, erzählt Martina. Wir sitzen in einer Bar im Herzen dieser Kleinstadt in Slawonien, einer historischen Region im östlichen kroatischen Hinterland. Eine arme Gegend, die von den Investitionen an der Küste nicht viel sieht und von den TouristInnen noch weniger; hart getroffen auch einst vom jugoslawischen Bruderkrieg. Einschusslöcher übersähen immer noch alte Hauswände. „Im Zentrum haben sie viel restauriert“, sagt Martina. „Aber viele Löcher müssen noch abgedeckt werden.“ Sie ist mit ihrer kleinen Schwester zum Treffen gekommen, die mit 18-jährigem Ernst und Idealismus verkündet, Journalistin werden zu wollen.

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Martina selbst ist Sozialarbeiterin und eine von denen, die zwischenzeitlich weggingen aus diesem Ort kurz vor der Grenze zu Bosnien. „Wir alle gehen entweder nach Zagreb oder nach Osijek. Hier kann man nicht studieren. Und wenig machen.“ Deshalb ist Nova Gradiška nur in den Semesterferien jung, wenn die StudentInnen zurückkehren. Sie mag die Stadt dennoch.

Man braucht keine Armut zu romantisieren, um zu sehen, was Nova Gradiška hat. Die Bars und Cafés sind von morgens früh an voll von Menschen und Gesprächen, man trinkt Kaffee und trägt Trainingsanzug-Chic. Im belebten Zentrum gibt es kleine Bäckereien und Metzgereien, BlumenverkäuferInnen bieten Ware auf einem Markt an, im Guten wie Schlechten viele kleine Läden statt großer Ketten. Neben uns auf dem Parkplatz vor der Malzfabrik machen die LKW-Fahrer Station vor Bosnien.

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Und den Menschen ist eine Herzlichkeit und ein Humor derer eigen, die sonst wenig haben. Die Kellnerin einer Pizzeria im Ort Novska fasst die slawonische Gastfreundschaft pragmatisch zusammen: „An der Küste sind sie reich, hier sind wir arm. Deshalb sind wir netter. Das ist normal.“

Wo im Rest des Landes eher gewohnte Gleichgültigkeit gegenüber Reisenden herrscht, trifft man in Slawonien auf Neugierde und tägliche Gespräche. Der Tankwart, der in Eschweiler in einer Töpferei arbeitete; die Kellnerin, die Milka-Schokolade liebt; der Ticketverkäufer eines Nationalparks, der uns von seinen Bergtouren nach Montenegro erzählt. Und sich nachher dafür entschuldigt, dass er so ausladend erzählt habe. Martina ist ratlos, was jemand sich in Nova Gradiška ansehen will. Über Couchsurfing war sie hier nur Gastgeberin eines etwas sonderlichen Mannes, der nach der Sonne reiste.

Und bleiben wird sie auch selbst nicht. Ihr Freund ist aus Zagreb, und für den gebe es hier keine Arbeit. Ohnehin würden zu viele Leute zu gut ausgebildet. Man könne in Kroatien umsonst studieren, aber viele junge Leute seien arbeitslos. „Wir haben zu viele Ärzte, zu viele Betriebswirte, zu viele Anwälte. Das Bildungssystem und die Wirtschaftslage passen nicht zusammen.“ Nur als Sozialarbeiterin bekommt sie überall einen Job.

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Wie andere junge Menschen, die wir treffen, wirkt Martina pragmatisch, strukturiert. Abenteuergeist muss man sich leisten können. Und doch gibt es große Abstufungen. Unsere Gastgeberin stammt aus einer wohlhabenderen Familie. Sie erzählt vom Auslandssemester in den Niederlanden, von Skiferien mit der Familie im Ausland. Bei Fahrten sehen wir riesige Differenzen innerhalb weniger Meter oder Minuten. Da stehen winzige Höfe, das Gebäude aus unverputzten Backsteinen, im ausgetretenen Garten Hühner, Plastikstühle, dahinter ein kleiner Acker. Einige sind halb in sich zusammengefallen, viele Ruinen verlassen, Höfe vermüllt.

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Einmal kommen wir durch eine abgelegene Roma-Siedlung, deren Elend sich scharf von allem darum herum abhebt. In anderen Dörfern stehen dagegen ebenso häufig wohlhabendere Häuser, in leuchtend bunten Farben angemalt, wie man sie sonst vielleicht mit Südamerika verbinden würde: grellrosa, lila oder lachsfarben, grün, gelb oder manchmal himmelblau. Optimistisch. Und unvermittelt erheben sich neben Baracken mondäne, mehrgeschossige Villen mit Säulen und Tier-Statuen. Die Häuser derer, die im Ausland ihr Glück gemacht haben. Manchmal, sagt Martina, gebe es beides im selben Haus. Ein Teil heruntergekommen, der andere wohlhabend. „Das ist, wenn der eine Bruder im Ausland war, und der andere nicht.“

Auch Martinas Bruder war im Ausland, zum Studium. Aber das ist eine ganz andere Geschichte. Er hat Trompete studiert und war dafür in Serbien. Ausgerechnet Serbien. „Viele Leute haben gesagt: Warum gehst du nach Serbien? Die Leute werden dich nicht akzeptieren.“ Es gebe immer noch viel Hass hier gegen Serben. Martinas Geschichte klingt sehr anders als in Städten wie Zagreb oder Karlovac, wo man uns erzählt, das sei alles kein Problem mehr.

Ihr Bruder selbst habe auch Sorge gehabt, dass er rassistisch angegangen werde in Serbien. Er sei aber respektiert worden. „Wir müssen unsere eigenen Vorurteile loswerden“, sagt Martina. Wird es besser? „Teilweise. Junge Leute denken nicht mehr so. In anderen Familien aber wird das von Generation zu Generation weitergegeben und ist genauso schlimm wie vor 30 Jahren. Irgendjemand muss den Kreislauf durchbrechen. Aber ich weiß nicht, wie.“ Überall in der Stadt ist der Krieg präsent. Nicht nur an den Hauswänden, auch in Graffiti, in einem riesigen Denkmal für die Gefallenen und einem Tuđman-Denkmal.

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In Nova Gradiška brodelt einiges im Verborgenen. Die Mutter von Martina und ihrer Schwester, erfahren wir, stammt gar nicht aus der Gegend. Sie war hier im Krieg Ärztin an der Front. „Der Krieg war in Nova Gradiška sehr heftig. Viele alte Leute haben immer noch PTSD, viele sind ftraumatisiert.“ Langsam wird der Stadtkern saniert. Nova Gradiška ist wohlhabender als die Umgebung, es gibt hübsche bürgerliche Einfamilienhäuser und Gärten, Wohnblöcke mit Grünanlagen, im Zentrum einige sanierte barocke Bauten.

Wie geht es weiter? Bald sind Wahlen. Der ehemalige Bürgermeister sei, genau wie der verstorbene Bürgermeister in Zagreb, ein verurteilter Krimineller, sagt Martina, Korruption und so. „Aber er ist sehr populär hier. Seinetwegen ist so viel saniert, er hat viel Gutes getan.“ Löcher geschlossen. Gerade erst habe er im Knast gesessen, jetzt sei er draußen und trete wieder an. Es könne sein, dass er wieder gewinnt.

Der Ort: Die Kleinstadt Nova Gradiška im Süden, kurz vor der bosnischen Grenze

Was man da machen kann:
Unglaublich viel. Herumgehen, Gespräche führen das Leben sehen. Aber es ist auch tolle Natur in der Umgebung. Kaum eine Viertelstunde Fahrt entfernt ist der Park Lonjsko Polje mit beeindruckender Auenlandschaft, alten Holzdörfern, unglaublich vielen Vogelarten und bedrohten Nutztierrassen. Der ist sehr touristisch erschlossen und wegen der Weitläufigkeit vor allem per Rad gut zu entdecken.

Was die Gastgeberin empfiehlt: Das Wandergebiet Strmac etwas nördlich von Nova Gradiška, wieder nur zehn Minuten Fahrt. In diese Bergregion fahren viele AnwohnerInnen am Wochenende zum Wandern, es gibt auch ein kleines Schwimmbecken. Wunderschöne Wege, und nach ein paar Minuten völlige Einsamkeit.

Was die Gastgeberin zum Essen empfiehlt: Das Restaurant Buffet Marija im Dorf Kosovac. Wir waren in Nova Gradiška im auch guten Dukat. Für vegetarische Geister ist die Region eher schwierig, es werden vor allem Fleischberge serviert. Martina empfiehlt slawonischen Schinken und die sehr leckere Kulen-Wurst sowie den Fleisch-Eintopf Čobanac. Bekannt ist auch der ursprünglich ungarische scharfe Fisch-Eintopf Fischpaprikás.

Wo man was trinken kann: Wir waren im Corner im Zentrum, das gut besucht war. Slawonien ist auch für Wein bekannt, vor allem Weißwein. In vielen Restaurants gibt es sehr günstigen, sehr guten lokalen Weißwein.

Veröffentlicht von

Alina Schwermer

Freie Journalistin, schreibt viel für die taz, für die Deutsche Welle, aber auch für die Jungle World und wer sie sonst so fragt. Am liebsten über Sport und Reisen. Wollte nie einen Reiseblog machen und hat nicht lange durchgehalten.

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