Im Reich des Reis

Reis hat eine faszinierende Farbe, wenn er erntereif auf den Feldern steht. Ein leuchtendes Grün, manchmal auch Gelb, das im Abendlicht verschiedene Schattierungen annimmt wie ein Teppich bis zum Horizont. Zu hell und warm für europäische Äcker, die man mit Gerste oder Roggen verbindet, mit trockenem Gelb, nicht diesem unerwartet milden, strahlenden Gelb-Grün. Was für Farben.

Am Himmel steht die untergehende Sonne in flammendem Rot, und es wirkt, als müsse das hier irgendwo in der Savanne sein, nicht Norditalien. Wer überhaupt denkt bei Reisbauern an Italien? „Hier gibt es nur Reis“, sagt die Bäuerin. Sie meint die Gegend, sie könnte aber auch ihren Hof meinen, inmitten der Reisfelder, oder den kleinen Hofladen, in dem wir stehen, voll von Reis. Versteckt in ihrem Hinterhof, in einer Gegend, die ihrerseits versteckt ist, ein touristisches Niemandsland zwischen Mailand und Turin.

reis

Statt pittoresker Dörfer, antiker Säulen oder türkisblauem Meer, den Dingen, die die UrlauberInnen lieben, stehen hier Orte, die nüchterner sind, inmitten von Ackerland. Alte Fabriken und verfallene Gutshäuser, dazwischen Bauernhöfe, abgeblätterte Fassaden, strahlend neue Farben, kläffende Hunde, und plötzlich doch eine klassizistische Kirche. Und Reisfelder bis zum Horizont. Es hat nichts vom Bilderbuch-Italien, und gleichzeitig eine wilde Romantik, die alte Industrie und Landwirtschaft im Sonnenuntergang. Riesige Maschinen rattern über die Felder, eine davon arbeitet für die Bäuerin.

gutshof

Die Frau hat uns aufgelesen, als wir zu Fuß ratlos vor ihrem Hof standen, wo Google Maps einen Laden behauptete. Es gibt wirklich einen. Sie erklärt jedes Produkt, das Risotto mit getrockneten Blumen, Kräutern oder Gemüse, das Reisbier, die Reiswaffeln; sie verkauft nicht, sie erzählt. Wie, frage ich, baut ihr hier Reis an ohne Wasser? Sie lacht. „Wollt ihr wissen, wie Reisanbau funktioniert?“

Zur Erntezeit im Spätsommer ist das Wasser fort. Muss so. Abgeleitet von den Feldern, erklärt sie, damit die großen Maschinen darauf fahren können. Jetzt ergeben auch die Wassergräben neben den Feldern Sinn, und die Unmengen von Moskitos. Aber im Frühjahr, nachdem im April und Mai gesät wird, wird wieder alles hier unter Wasser stehen, jedenfalls alles, wo Reis wächst. Wenn er geerntet ist, muss er getrocknet werden. Und dann verkaufen sie an den Rest von Italien. Sie zeigt uns die unverarbeiteten Körner, knibbelt sie auf. Am frühen Morgen, sagt sie, kommen die Lastwagen und holen den Reis. Der Vollkornreis wird dann maschinell geschält. Aber das ist nicht mehr ihr Job.

Sie beschreibt ihre Arbeit mit der Wärme, die den Menschen in der Gegend eigen ist, als sei es ihr Traumberuf, und vielleicht ist es das. Als ich erwähne, dass Markus auch aus einer landwirtschaftlichen Gegend kommt, will sie wissen, was dort angebaut wird. Mais, erzähle ich vage. Sie lässt nicht locker: „Und was noch?“ Wir arbeiten uns durch Google Translate, durch Zuckerrüben, Gerste, Roggen. Am Ende schenkt sie uns ein Paket zum Einkauf dazu, erzählt von ihrer Motorradreise nach Bayern, will von unseren Reisen hören. Und wir verlassen den Laden, wie wir Gespräche hier oft verlassen, wie mit Flügeln.

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Denn die Gemeinde inmitten der Reisfelder, sie heißt Borgolavezzaro, hat nichts Besonderes und gleichzeitig alles. Vor allem hat sie das ausgefeilteste Netz an Miteinander, das wir je gesehen haben. In Borgo gibt es, den nur 2.000 EinwohnerInnen zum Trotz, mindestens zwei Bars, ein Café, ein Restaurant-Café und ein Restaurant, und das sind nur die entlang der Hauptstraße. Und sie sind ständig besucht. Wir sind es gewohnt, mit unserem alten Wagen angesprochen zu werden, aber nie ist das so häufig passiert wie hier in der Gegend. Täglich kommt irgendwer zum Gespräch vorbei, schwärmend, wie schön das Auto sei, und als wir einmal nicht da sind, hängt ein notiertes Kompliment am Scheibenwischer. Oft kommen Leute mit Bezug zu Deutschland. Ein alter Mann aus Köln – mit sieben Jahren sei er hergekommen, mit 19 wieder nach Italien zurückgekehrt – , der sich immer noch ein bisschen als Kölner fühlt; oder ein Mann aus Borgo, der acht Monate in München gearbeitet hat und ein paar Brocken Deutsch herauskramt.

Sozialleben, lernen wir, läuft wie ein Brettspiel. Irgendjemand sitzt allein an einem Tisch, und es setzt sich sofort jemand vom Nachbartisch dazu. Eine dritte Person kommt auf dem Fahrrad vorbei – die Fahrraddichte ist mindestens so hoch wie die Hundedichte – und macht eine Stippvisite, oft begrüßt mit etwas wie „Wir haben schon auf dich gewartet“. Es wirkt nicht, als hätten sie besonders festgelegt auf diese Person gewartet, aber das macht nichts. Irgendwann steht jemand wieder auf und geht, und es kommt wie von Zauberhand just jemand anders um die Ecke und nimmt den Platz ein. Man muss viel kommunizieren, damit das Spiel funktioniert.

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Es sind Leute mit sehr analogen Jobs und oft körperlicher Arbeit. Aus den Gesprächsfetzen klingen ein Mechaniker, ein Pfleger, zwei Männer kommen in oranger Uniform mit ihrem Transporter vorbei, viele sind Rentner. Es ist ein Miteinander, das zugleich nach sehr impliziten Regeln läuft. Die Bar am Hauptplatz gehört, wie fast überall auf der Welt, den Männern, von morgens bis nachts. Frauen kommen kaum in diesen Raum, außer der asiatischstämmigen Barkeeperin, eine der sehr wenigen Personen mit sichtbarem Migrationshintergrund.

Die Dorfjugend hängt eher in den Gassen ab, aber das Café-Restaurant gehört allen. Wir sind ein Fremdkörper hier in der Bar, dabei nur dann, wenn eines der wenigen menschlichen Boote anlegt, die wir kennen. Der Mann aus München ist so einer. Er grüßt, und wir grüßen routiniert-herzlich zurück. Und sind fast versucht zu sagen: „Wir haben schon auf dich gewartet.“

Der Ort: Borgolavezzaro in Norditalien

Was man da machen kann: Sitzen, reden, erleben. Es gibt ein paar alte Kirchen. Und durch die Reisfelder zu den alten Bauernhäusern wandern. Im schönen Campo della Ghina ist alte lokale Vegetation gepflanzt. Und wer mit dem Rad da ist, kann auf zwei Radrouten in die Nachbarorte und zu alten Höfen fahren: den Routen San Dionigi und Rovellina.

Wo man essen und trinken kann: Überall im Ort super und günstig. Die Trattoria Astigiana da Ernesto hat umwerfend gute lokale Küche, darunter Pasta, Risotto und Fleischgänge, für kleines Geld: ein Pastagericht mit Glas Wein gibt es für sechs Euro. Das Caffè Centrale macht sehr gute Pizza.

Wo man lokal kaufen kann: Der Hof, wo wir Reis gekauft haben, ist die Cascina Cavallina ein Stück südwestlich vom Ort. Ein Familienhof, der nach eigenen Angaben ökologisch produziert, er hat auch eine Website. Viele Höfe verkaufen den Reis direkt.

Veröffentlicht von

Alina Schwermer

Freie Journalistin, schreibt viel für die taz, für die Deutsche Welle, aber auch für die Jungle World und wer sie sonst so fragt. Am liebsten über Sport und Reisen. Wollte nie einen Reiseblog machen und hat nicht lange durchgehalten.

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